Kapitel 1: 1174 a.d.

Kapitel 1: 1174 a.d.

Der aufkommende Herbststurm, welcher sich am westlichen Horizont erhob, hatte den jungen Bauern Wilhelm einigermaßen überrascht. Noch vor wenigen Momenten, war der Himmel über ihm tief blau und nichts deutete auf ein Unwetter hin. Obwohl die dritte Jahreszeit schon vorangeschritten war und es durchaus nicht unüblich für stürmisches Wetter im Herbst ist, so hoffte er doch am heutigen Tage von Regen verschont zu bleiben. Dies war aber am heutigen Mittwoch eher ein frommer Wunsch. Missmutig schaute Wilhelm, der älteste von drei Brüdern auf den dunklen Horizont vor sich. Wo sich die graugrünen Wolken zu einer mächtigen sowie undurchsichtigen Wand erhoben und bedrohlich über das von ihnen gepachtete Land hinweg zogen. Urplötzlich war das warme Sonnenlicht von den mächtigen Wolken verschluckt worden und er spürte die aufkommende Kälte, die vom Wind über das Feld getragen wurde. Sehr schnell Begriff der 26-jährige Wilhelm die Situation und reagierte ohne zu zögern. Einen leisen Fluch austossend, drehte er sich um und blickte auf den mächtigen Ochsen, der unmittelbar hinter ihm stand. Das große Tier zog einen Holzpflug hinter sich her, um eine Furche in den aufgeweichten Lehmboden zu reißen. Ein etwa zwei Meter langes Seil, aus Rosshaar und Bast verband die beiden bei ihrer Feldarbeit mit einander. Die Zeit drängte. Wilhelm umwickelte das raue Seil mit seiner rechten Hand und zog kräftig daran, so dass es sich kurz spannte. Es war dem Tier um den Hals gebunden worden und es bemerkte Gedankenschnell, was der Bauer von ihm verlangte. Der Ochse hob den Kopf zur Seite drehend hoch und schnaubte protestiertend laut aus. Bewegte sich aber erst mal keinen Meter. Wieder zog Wilhelm an dem Seil. Dieses Mal etwas fester. Das Tier wirkte ein wenig erschöpft und ließ schließlich den Kopf entmutigt hängen. Es war nichts zu machen, der Ochse blieb einfach stehen.

„Komm schon“, sagte Wilhelm sanft und zog erneut mit aller Kraft an dem Seil, welches seine Haut auf der Innenhandfläche schon etwas aufgeribbelt hatte. Wilhelm ignorierte den Schmerz und versuchte die Spannung des Seils aufrecht zu erhalten. Das müde Tier hob den großen Kopf ein weiteres Mal und setzte sich schließlich doch in Bewegung. Es war mühselig. Und manchmal wünschte sich Wilhelm etwas anderes zu sein, als er nun mal war. Der Älteste schaute erneut nach Westen. Die Wolken hatten die Sonne nun gänzlich verschluckt und es wurde erheblich dunkler. Schon bald würde der Himmel seine Schleusen öffnen und es würde anfangen zu regnen. Sie mussten hier weg. Mussten auf den festen Waldweg zurückkehren und den Heimweg antreten. Es war jetzt schon kaum noch möglich für den Ochsen, den Pflug durch den nassen Feldboden zu ziehen. Wenn es jetzt noch anfangen würde zu regnen, würde es für das Tier beinahe unmöglich werden voranzukommen. Der Regen würde den ohnehin schon aufgeweichten Boden, noch mehr auflockern, so dass das Tier noch tiefer mit seinen Hufen darin versinken würde. Auf dem Waldweg hatte es das Tier wesentlich leichter. Hinter dem geschwächten Ochsen und dem abgenutzten Holzpflug folgten seine beiden jüngeren Brüder Gabriel und Oliver. Deren einzige Aufgabe bestand darin, den durch den Holzpflug aufgerissenen Erdboden noch weiter zu vertiefen. Der Holzpflug lockerte den Boden zwar auf, aber die Furche war niemals tief genug um das Saatgut sicher drinnen zu versenken.

Oliver bearbeitete den Erdboden mit einer einfachen Schaufel. Während Gabriel das Saatgut des Wintergetreides in den Boden streute. Es roch sehr stark nach nasser Erde und vermoderten Pflanzen, was der Witterung geschuldet war. Im Herbst des Jahres 1174 unseres Herrn regnete es einfach häufiger als in den Jahren zuvor. Ein Wetterphänomen, welches jedem Bauern im Umkreis um Heidelberg wirklich extrem zu schaffen machte. Die Ernte war bei weitem nicht so ertragreich, wie in den Jahren zuvor. Wilhelm schaute nach hinten, an dem massigen Tier vorbei und blickte seine Brüder an. Pausenlos arbeiteten sie weiter, den Blick immer auf den Boden gerichtet, ohne zu bemerken was sich über ihnen zusammenbraute.

Nachdem Gabriel das Saatgut verteilt hatte, schaufelte Oliver den Boden wieder zu. Was eine Horde schwarzer Raben nicht davon abhielt, den Bauern in einem gewissen Abstand zu folgen. Krächzend versuchten die schwarzen Vögel, die Saat aus dem Boden zu picken.

Gabriel, mit vierundzwanzig Jahren der zweitälteste der Brüder, verabscheute diese Tiere. Seiner Meinung nach waren sie Vorboten des Bösen und er versucht, so gut wie es eben ging, sie zu ignorieren. Man konnte beinahe meinen, dass er regelrecht Angst vor ihnen hatte. Eigentlich fürchtete er sich nicht vor vielen Dingen auf dieser Welt, aber diese Tiere lösten ein Unbehagen in ihm aus, welches durch nichts gemildert werden konnte. Woher diese Angst kam, wusste er nicht mal so genau. Sie war aber eindeutig da und sehr oft präsent. Um die schwarzen Vögel zu ignorieren, konzentrierte Gabriel sich, wie sein jüngster Bruder Oliver auf die schwere körperliche Arbeit und machte unbeirrt weiter.

Durch die Dreifelderwirtschaft wurde fast zwei Drittel der gesamten Ackerfläche für Getreide beansprucht, den Rest bepflanzte die Bauernfamilie mit Kohl. Nach der vorangegangenen Ernte des Sommergetreides wurde nun das Wintergetreide gesät. So wurde das Feld fast das ganze Jahr sinnvoll genutzt, um eventuelle Hungersnöte durch Missernten für die Familie zu vermeiden. Allerdings blieb ihnen nicht sehr viel von der Ernte übrig, denn den größten Teil des Ertrags musste die Bauernfamilie Regeis an ihren Pachtherren abgeben, der ihnen das Land zur Verfügung gestellt hatte. Ein eher ungleiches Geschäft bei dem es nur einen Verlierer geben konnte.

Lange braune Haarsträhnen klebten Oliver auf der Haut seines verschwitzten Gesichtes fest und verdeckten zum Teil seine in Falten gelegte Stirn. Der drei Tage Bart ließ ihn ein wenig älter erscheinen als er in Wirklichkeit war. Seine Haut war wie aus Samt und sein Antlitz war jung und makellos. Das Auffälligste an ihm waren seine wunderschönen blauen und vertrauenserweckenden Augen, in denen man sich zu verlieren schien. Vor allem wenn man dem weiblichen Geschlecht angehörte.

Die Proportionen von Auge, Nase und Mund fügten sich zu einem perfekten Gesamtbild und wirkten teilweise wie von einem Künstler gemalt. Der einzige Makel den man anbringen konnte, wenn überhaupt, war seine blasse Haut. Man konnte glatt den Eindruck gewinnen, dass der junge Mann etwas krank aussah. Was aber nicht der Fall war. Ganz im Gegenteil. Der 22-jährige junge Mann stand in der Blüte seines Lebens und strotzte nur so vor Kraft. Für einen kurzen Augenblick stoppte er seine Arbeit und schaute nach vorne zu Wilhelm, der in seinen Augen unruhig wirkte. Im gleichen Moment blickte er in den Himmel und erkannte was unausweichlich auf sie zukam.

Oliver fragte sich, ob Wilhelm deswegen so nervös schien? Der Tag ging noch lange nicht zu neige. Sie konnten doch jetzt noch nicht aufhören? Das war jedenfalls seine Meinung. Oliver beobachtete weiter, wie Wilhelm verzweifelt versuchte das Tier vom Feld auf die Straße zu bewegen. Zum wiederholten Male stoppte der Ochse kurz vor dem Waldweg. Was wiederum dazu führte, dass Wilhelm noch hektischer wurde. Seine langen blonden Haare kräuselten sich im immer stärker aufkommenden Wind und verfingen sich teilweise in seinem rotblonden Bart, als er ein weiteres Mal kräftig an dem Seil zog. Die buschigen Brauen ließen seine braunen Augen ein wenig schmaler erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren. Sein ganzes Gesicht war sehr markant, die Wangenknochen stachen deutlich hervor und bildeten mit seiner runden Kopfform ein perfektes Gesamtbild. Einzig allein die große Nase wirkte wie ein Fremdkörper in seinem Gesicht.

Obwohl die Luft angenehm kühl war, schwitze Wilhelm sehr stark und sein Herz hämmerte vor Kraftanstrengung wie verrückt in seiner Brust. Mit großer Mühe zog er das alte Tier auf den festen Weg der Waldstraße. Seine Besorgnis vergrößerte sich noch einmal, als er meinte den ersten Regentropfen auf der feuchten Haut zu spüren. Mit einer winkenden Handbewegung machte er seinen Brüdern schließlich klar, dass es jetzt besser wäre den Heimweg anzutreten. Er verlieh seiner Geste noch mehr Ausdruck als er ihnen zurief:

„Kommt, wir müssen los“.

„Ist ja gut, ist ja gut, wir kommen ja schon“, brummte Oliver ihm etwas verständnislos entgegen. Eilig schüttete er das letzte Loch zu und warf schließlich die Schaufel über seine schmerzende rechte Schulter. Gabriel sagte indessen kein Wort. Er schnürte das kleine braune Ledersäckchen zu, in dem sich das Saatgut befand und stellte dabei Wilhelms Forderung keineswegs in Frage. Denn er hatte hier auf dem Feld das Sagen. Schließlich gingen er und Oliver über den feuchten Erdboden zum schmalen Waldweg hinüber. Oliver hielt den Holzstiel seines Ackerwerkzeuges fest in seiner rechten Hand und betrachtete seinen Bruder weiterhin mit Argwohn. Dieser war direkt mit dem Nutztier zum Karren gegangen, welchen sie am Wegesrand abgestellt hatten, als sie heute Morgen zum Feld gekommen waren um mit der Arbeit zu beginnen. Ohne weitere Zeit zu verlieren, hatte er den Holzpflug schon gelöst und wartete jetzt darauf, diesen auf den Karren zu heben. Doch dies konnte er nicht alleine machen. Dazu brauchte er die Hilfe seiner beiden Brüder.

Plop
Ein dicker Regentropfen platschte Wilhelm direkt auf die Stirn.

„Warum hat es unser Bruder auf einmal so eilig?“ fragte Oliver seinen begleitenden Bruder, der etwas versetzt vor ihm her ging. Etwas verwundert drehte sich dieser um und deutete, ohne ein Wort zu sagen auf die Regenwolken am Himmel. Der jüngste zuckte verständnislos mit den Achseln, als wollte er so fragen „Na und?“ Gabriel interpretierte die Gehste seines Bruders richtig und antwortete darauf sogleich mit hochgezogenenen Augenbrauen:

„Ist das nicht Grund genug?“, Gabriels Stimme klang tief und rau.

Oliver verzog verwundert sein Gesicht und blickte Gabriel etwas ratlso an. Dann schüttelte Oliver verwundert den Kopf. Der Horizont hatte sich noch weiter verfinstert und das Wetter sah wirklich nicht vielversprechend aus. Er verstand die hektik einfach nicht. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie bei Unwetter auf dem Feld waren und gearbeitet hatten. Sicher würde es bald unangenehm werden, aber die Arbeit deswegen zu unterbrechen stand nicht wirklich zur Debatte. Dieses Mal sprach er seinen vorherigen Gedanken laut aus.

„Und? Es wird Regen geben!“, sagte er unbeeindruckt und zuckte erneut mit den Achseln. Oliver hatte fest damit gerechnet bis zum Abend hier zu bleiben und zu arbeiten. Egal was für ein Wetter über sie hereinbrechen würde. So eine Hungersnot, wie sie es vor drei Jahren schon einmal erlebt hatten, wollte er nicht noch einmal erdulden. Also war es für ihn nur logisch jetzt weiter auf dem Feld zu arbeiten. Sie mussten mindestens noch fünf Reihen Saat auf dem Feld verteilen. Doch dies sahen seine Brüder wohl etwas anders. Oliver blieb kurz stehen und blickte in den Himmel. Dann schaubte er kurz laut auf und ging schließlich zu seinen beiden Brüdern hinüber.

Das mitgebrachte Werkzeug musste auf ihren Karren befördert werden, auf dem schon ein Teil des zuvor geernteten Kohls lag. Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich, alles zügig zu verstauen. Auf der rechten Seite lag der Kohl. Auf der linken Seite war der alte Holzpflug untergebracht.

Danach spannte der große Blonde mit seinen geschickten Händen das Gefährt ein, damit der müde Ochse den Karren ziehen konnte. Seine Hände waren riesige Pranken, die kräftig genug waren, um einem ausgewachsenen Mann, ohne zu zögern das Genick zu brechen. Alles was er mit diesen Händen zu packen bekam, ließ er so schnell nicht mehr los. Es sei denn er wollte es so. Eine riesige Narbe zierte das Innere seiner Handfläche und zeugte von einer großen Verletzung, die Wilhelm sich mit jungen Jahren zugezogen hatte. Die Erinnerung daran verlieh ihm immer noch ein flaues Gefühl in der Magengegend. Für einen kurzen Augenblick war er unkonzentriert gewesen und war beim Arbeiten mit der scharfen Sichel abgerutscht. Der Schnitt ging über die ganze Handinnenfläche und hinterließ eine Spalte, die sich vom Daumen, quer über die ganze Hand, bis zum kleinen Finger erstreckte. Nur einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass sein Vater in der Nähe gewesen war und die Wunde blitzschnell hatte versorgen können. Völlig schmerzfrei starrte der Junge damals auf die Wunde, die sich sehr schnell mit Blut füllte. Der Schock saß so tief, dass er eine geraume Weile brauchte, um sich davon zu erholen.

Das arme Bauernleben im zwölften Jahrhundert war ausgesprochen hart und von sehr vielen Schicksalsschlägen geprägt. So lebten die Menschen, vor allem die Bauern vom niedrigen Stand, in ständiger Bedrohung nicht genügend zu essen zu erwirtschaften. Dies war bei Missernten meist der Fall. Schlimmer wurde es nur noch, wenn sie zusätzlich bestohlen wurden. Was leider nicht gerade selten vorkam. Wenn es um das eigene Überleben ging, taten die Menschen alles Mögliche und ließen nichts unversucht um an Nahrung zu kommen.

Plop Plop

Wieder bekam Wilhelm ein paar dicke Regentropfen ab. Sie mussten los und zwar eilig. Zügig sprang er auf den Hochsitz des Gefährts und zog am Seil, so dass der Ochse sofort verstand und sich in Bewegung setze. Schon bald verschwanden die drei Brüder mit samt des Tieres im dichten Wald.

Schließlich fing es heftig an zu regnen. So sehr sie sich auch beeilten, es war vergebens. Noch bevor sie die Hälfte des Heimwegs durch den Wald zurückgelegt hatten, steckte das Gefährt samt Ochsen das erste Mal in dem vom Wasser aufgeweichten Schlammboden fest. Die Waldstraße war leider nicht überall gut befahrbar. Wilhelm hatte die Hoffnung, dass der Boden der Straße nicht so schnell aufweichen würde, wie auf dem Feld. Das war auch zu meist der Fall. Allerdings da wo die Straße frei vom Blätterdach war, gab es kein Halten mehr und der Regen stürzte hier ungeschützt zu Boden. Schon bald bildeten sich an solchen kleinen Lichtungen groß Pfützen. Und genau an so einer Lichtung steckten die drei jetzt fest. Während Wilhelm das Tier gleichsam anschrie und ihm gutmütig zusprach, stemmten sich Gabriel und Oliver mit aller Kraft die ihren jungen Leibern innewohnte, gegen den Karren. Sie versuchten mit aller Macht die großen Holzräder aus dem Matsch zu befreien. Erst nach dem fünften Anlauf gelang es dem Nutztier, den Wagen aus der Kuhle am Wegesrand zu befreien. Ohne stehen zu bleiben sprang Gabriel sogleich auf den Wagen und legte sich erschöpft auf dem geernteten Kohl nieder. Er blickte in die Wolken und ließ die Regentropfen auf sein Gesicht prasseln. Dabei holte er tief Luft, um seinen Puls etwas zu verlangsamen, während Oliver lieber weiter hinter dem Karren herlief. Seine aus Wolle bestehende graue Kleidung war mittlerweile völlig durchnässt. Gedankenverloren starrte er auf den matschigen Waldboden unter sich und schien die aufkommende Kälte kaum zu spüren, die durch den nassen Stoff drang. Mittlerweile hatte schon die Dämmerung eingesetzt und die dunklen Wolken über den Männern wirkten jetzt noch bedrückender als vorher.

„Nur die Hälfte des Weges…“ murmelte Wilhelm, der den Ochsen gegen das Tosen des Windes anführte. Erneut überkam ihn ein Gefühl des Unbehagens und sein Mut wurde durch das Wetter nicht gerade bestärkt. Die Sorgen, von Landstreichern oder von einem gefährlichen Tier angegriffen zu werden, wuchsen von Moment zu Moment. Er sah besorgt nach seinem jüngeren Bruder Oliver, der in einem gewissen Abstand hinter dem Wagen herlief. Ihm gefiel es ganz und gar nicht, dass er sich zurückfallen ließ.

„Springt auf!“ befahl er ihm in einem Ton, der vielleicht ein wenig zu rau gewesen war. Seine dunkle Stimme wirkte meistens etwas härter, wenn gleich seine Worte gar nicht so streng gemeint waren. Ein zorniger Blick traf ihn und er merkte sofort, dass sein Bruder alles andere als begeistert war. Dennoch wollte er nicht, dass der jüngste alleine hinter ihnen herlief.

„Wir müssen hier weg, das lahmes Traben bringt uns nicht weiter“, fügte er hinzu. Oliver blickte erneut böse. Er wollte sich von seinem Bruder nicht vorschreiben lassen, was er zu tun und zu lassen hatte.

„Nur vier verdammte Jahre älter und er spielt sich auf wie ein Lehnsherr.“, murmelte Oliver in sich hinein.

„Was habt ihr gesagt?“, fragte der Älteste, seinen Blick starr auf die Straße nach vorne gerichtet. Er war der Meinung, etwas gehört zu haben. Doch durch das Rauschen des Regens war es schwer, gesprochene Worte zu verstehen.

„Ich sagte nichts“, rief Oliver ihm zu und schüttelte den Kopf.

„Sagt schon, was ist das Problem?“, brummte Wilhelm, der dieses Verhalten missbilligte. Oliver schaute auf den Waldboden und sagte recht laut:

„Ihr seid mein Problem geliebter Bruder.“

„Wie bitte?“ Wilhelm war irritiert und drehte sich erneut nach hinten um. Schließlich holte Oliver zum Karren auf und fing an seine Beschwerde hörbar an seinen Bruder heranzutragen. Dabei gestikulierte er wild mit seinen Armen hin und her.

„Wir waren noch nicht fertig mit der Aussaat und außerdem ist der Karren erst halb voll. Die Ernte war dieses Jahr sehr bescheiden. Daher hätten wir lieber noch ein wenig auf dem Feld bleiben sollen und weiterarbeiten müssen. Den Kohl hätten wir heute abernten können. So wird es uns nicht reichen, Bruder.“ Dabei betonte er das Wort „Bruder“ sehr abwertend. Er hielt kurz inne, schaute auf den halb leeren Karren, und meckerte dann weiter:

„Weil Ihr feige seid, werden wir hungern müssen!“, sagte er wütend, beinahe ein Fauchen. Wilhelm stockte in seiner Bewegung, zog an seinem Seil und befahl dem Ochsen stehen zu bleiben. Er holte tief Luft und drehte sich schließlich langsam mit seinem gesamten Oberkörper um und suchte den direkt Blickkontakt mit Oliver.

„Jetzt? Wir wollen das jetzt besprechen?“ zürnte er. Ohne darauf eine Antwort zu bekommen, blickte Oliver ihn wütend an. Das konnte Wilhelm sich nicht gefallen lassen. Schließlich war er der älteste hier. Er hatte die Verantwortung, die ihm der kranke Vater übertragen hatte. Er ließ das Seil ganz los, sprang mit einem Satz vom Wagen hinunter und landete mit beiden Beinen auf dem nassen Boden. Oliver ging sogleich ein paar Schritte zurück. Den vielen Pfützen ausweichend, ging Wilhelm ihm nach. Gabriel richtete sich unterdessen auf und beobachtete die Szenerie. Er war jeder Zeit bereit einzuschreiten, ahnend was passieren könnte. Er zog seine graublaue Kapuze nach hinten, so dass seine kurzen, dunkelbraunen Locken zum Vorschein kamen. Schnell spürte er die reichlichen Regentropfen auf seiner Kopfhaut. Die Farbe seiner Haare deckte sich in etwa mit der seiner Augenfarbe und fügte sich zu einem harmonischen Bild. Gabriel war ein sogenannter Herbsttyp und obwohl er nur ein wenig jünger als Wilhelm war, wirkte er wesentlich älter als er. Sein Gesicht war eindeutig mit vielen Falten durchzogen.

Wilhelm baute sich vor seinem Bruder auf.

„Wie könnt Ihr es wagen, in so einem Ton mit mir zu reden? Mir ist wohl bewusst, dass wir mehr arbeiten müssen.“  Er hob mahnend den Zeigefinger.

„Aber seht auf die Straße. Hätten wir noch länger gewartet, hätten wir den Karren stehen lassen müssen! Dann hätten wir gar nichts gehabt. Ist es das, was ihr wollt Bruder?“  Wilhelm knirschte mit den Zähnen. Gabriel beugte sich nach vorne und stütze sich mit den Ellenbogen an der Randbegrenzung des Holzwagens ab.

„Da hat er Recht!“, meinte Gabriel. Dabei klang er sehr ruhig und besonnen. Doch Oliver schüttelte erneut verständnislos mit dem Kopf und fing an zu schmollen. Er wusste irgendwie, dass seine Brüder Recht hatten. Trotzdem war er damit nicht einverstanden. Die Sorge im Winter wieder hungern zu müssen, ließ ihm keine Ruhe. Ein leerer Magen fordert eine gewisse Risikobereitschaft.

„Wir holen den Rest morgen. So Gott will, wird es aufhören zu regnen und wir können mit unserer Arbeit weiter machen!“ Gabriel beobachtete die beiden ganz genau. Versuchte aus beiden Gesichtern denselben Ehrgeiz herauszulesen. Aber das war zum jetzigen Zeitpunkt vergebens.

„Wir sollten zu Hause sein, bevor es richtig dunkel wird. Außerdem wird die Straße nicht besser, wenn es noch länger regnet“. Wilhelm zwang sich zu lächeln. Was ihm in diesem Moment schwer fiel und reichlich aufgesetzt wirkte.

„Das will ich hoffen!!“, drohte Oliver ihm. Gabriel entging die verärgerte Art seines jüngeren Bruders nicht. Vorsichtig richtete er sich auf, wohl ahnend was kommen würde. Oliver war gut darin, sein Gegenüber soweit zu provozieren, bis dieser schließlich die Beherrschung verlor. Es stimmte schon, dass die Straße mittlerweile schlechter geworden war, aber sie war immer noch befahrbar. Seiner Meinung nach hätten sie gut und gerne noch ein bisschen weiterarbeiten können. Unaufhörlich hielt er sich an dem Thema fest und seine beiden Brüder waren sehr genervt.

„Ihr seid beide feige wie die Hühner“, giftete er seine Brüder an. Wilhelm kam noch ein Stück näher, so dass dieser ungefähr eine Armlänge vor seinem Bruder entfernt stand.

„Ich verzeih‘ Euch diese Frechheit, weil Ihr mein Bruder seid, aber sagt noch ein Wort und ich…“ er ballte die Faust.

„… was Wilhelm? Was wollt ihr dann machen?“ fiel ihm der Jüngste ins Wort.

„Das zeig ich Euch dann!“ antwortete er mit weit aufgerissen Augen.

„Ist das so, Bruder?“, dabei betonte er das Wort „Bruder“ erneut ziemlich abwertend. Oliver schüttelte verachtend den Kopf, konnte er die Engstirnigkeit, die Wilhelm an den Tag legte, einfach nicht verstehen. Jetzt hatte er es geschafft. Wilhelms Geduld stieß an Grenzen.

„Kommt endlich, es ist Zeit! Ich diskutiere meine Entscheidung nicht weiter mit Euch. Also rede nicht weiter und beeile Euch lieber.“

Erzürnt blickte Oliver ihm in die Augen.

„Feigling.“, sagte er ihm mitten ins Gesicht.  Wilhelms Gesichtsfarbe wechselte langsam von einem blassen Rotton zu einem sehr kräftigen Rot.

„Wie war das?“ fragte Wilhelm und kam provozierend näher.

Darauf hatte Oliver nur gewartet. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Die Drohgebärde seines Bruders war völlig ausreichend. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlug Oliver seinem Bruder mitten ins Gesicht. Der Schlag kam so plötzlich und unerwartet, dass der ebenso überraschte Gabriel nicht mehr eingreifen konnte. Die Faust traf Wilhelm direkt am Kinn. Er stolperte zurück und fiel rücklings zu Boden in den Matsch. Wie ein toter Käfer lag er da und war für einen kurzen Augenblick völlig orientierungslos. Verachtend blickte er nach oben in den Himmel. Der kühle Regen prasselte auf sein Gesicht und kühlte sein heißes Gemüt ein wenig ab. Er schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. Schließlich ging er auf die Knie und stellte sich wieder auf seine Füße.

„Das war ein Fehler.“, sagte Wilhelm während er sich an sein Kinn faste und dabei den Kiefer bewegte. Schließlich stürmte er auf seinen Bruder zu. Holte aus und antwortete mit einem Faustschlag, der aber ins Leere ging, da Oliver sehr schnell ausweichen konnte.

„Verdammter …“, schrie Wilhelm ohne seinen Fluch vollständig auszusprechen. Schließlich drehte er sich einmal um die eigene Achse, so dass er seinem Bruder wieder gegenüberstand.  Vor lauter aufsteigender Aggression wollte Wilhelm zum zweiten Schlag ausholen, doch bevor die Keilerei richtig losging, war Gabriel endlich zur Stelle und war zwischen die beiden Streithähne gesprungen. Er griff nach dem Handgelenk seines verärgerten Bruders und befahl ihm, das Kämpfen einzustellen.

„Hört auf!“, schrie er Wilhelm an und schubste während dessen Oliver mit seinen Ellenbogen zur Seite, so dass Wilhelm ihn nicht mehr erreichen konnte. Wieder setzte Wilhelm an, doch Gabriel konnte ihn zurückhalten indem er ihn mit beiden Händen an den Schultern packte und ihn wegschob.

„Genug jetzt!“ schrie Gabriel. Dieses Mal noch bestimmender.

Wilhelms Augen glühten vor Wut und er musste aufpassen, dass er dem Schlichter nicht ins Gesicht schlug. Nach ein paar Sekunden der Ruhe, nickte er Gabriel stumm zu und wandte sich wortlos um. Er ballte die Faust erneut und ging zurück zum Lasttier. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, drehte er sich noch einmal um, blickte seine Brüder an, die immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle standen, ohne was zu sagen.

„Wir müssen weiter, der Regen nimmt zu!“ Wilhelm tastete sein Kinn erneut ab und meinte schon eine Schwellung zu spüren. Er war richtig verärgert über Oliver, versuchte aber die Wut niederzukämpfen.

„Rücksichtsloser Bursche…“, murmelte er und sprach dabei so leise, dass Oliver ihn nicht verstehen konnte. Mit einem Schwung kletterte er auf den Hochsitz des Holzkarren und griff nach dem nassen Seil. Sofort befahl er dem Ochsen weiter zu gehen. Er kannte seinen Bruder ganz genau. Er hatte ein aufbrausendes Gemüt, wenn es darum ging sein Recht einzufordern. Sonst war Oliver eher ein ruhiger Geselle, aber wenn es darum ging Recht zu haben, verwandelte er sich in eine ganz andere Person. Schon bald würden sich alle wieder beruhigen und alles war wieder gut. Das hoffte er jedenfalls.

„Oh man kleiner Bruder, den habt Ihr richtig sauer gemacht.“, sagte Gabriel. Dann ging ein paar Schritte zurück und sprang dann mit einem Schwung erneut auf den Wagen.

Die Kälte, vom Wind angepeitscht, schlug den drei Brüdern weiter heftig ins Gesicht, so dass sie ihre blauen Kapuzen noch tiefer ins Antlitz ziehen mussten, um sich zu schützen. Obwohl seine Füße mit jedem Schritt leicht in den weichen Morast einsanken, zog Oliver es weiter vor, nach dem Streit neben dem Karren herzulaufen.

„Springt auf!“ Gabriel bot ihm die Hand zu Hilfe an.

„Danke, aber ich gehe lieber zu Fuß“, entgegnete er ihm unwirsch.

„Dann eben nicht! Aber bleibt nicht zurück, wir werden nicht auf Euch warten“, antwortete Gabriel. Er mochte seinen Bruder nicht, wenn er so war. Aber auch er wusste, dass diese Phase nicht von Dauer war.

Gerade wollte Oliver zu einem erneuten verbalen Angriff ansetzen, als ihn ein Schatten im Wald ablenkte. Stutzig blieb er stehen und blickte zur Seite in die Pflanzenwelt, währen sich die beiden Brüder weiter entfernten. Überrascht stellte er auf einmal fest, wie schmal der Pfad eigentlich war, auf dem sie sich befanden und dass er vor lauter Bäumen und Sträuchern in der Ferne fast nichts mehr erkennen konnte. Selbst die kleine Anhöhe die sie gerade passiert hatten, verhalf nicht zur besseren Sicht.

War es wirklich eine flüchtige Bewegung, die er da in den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, oder war es eine Täuschung die seine Augen durch Regenschleier falsch gedeutet hatten? Er versuchte seine Sinne zu schärfen, blickte in den Wald und kniff die Augen zusammen, um irgendwas zu erkennen. Doch da war nichts außer Bäumen und Sträucher.

„Also doch nur eine Täuschung!“, murmelte er. Urplötzlich spürte er eine Kälte in sich aufsteigen, die sehr viel tiefer ging als es das Wetter jemals erzeugen konnte. Zügig ging er weiter und beeilte sich, um den Karren wieder einzuholen. Erneut versuchte Gabriel seinen Bruder dazu zu bewegen auf das Gefährt zu klettern und bot ihm seine Hand ein zweites Mal an. Erleichtert stellte er fest, dass Oliver nach seiner Hand griff. Mit dem Kopf schüttelnd half er ihm schließlich auf den Wagen.

Ein rasselndes Geräusch aus einem naheliegenden Gestrüpp ließ Olivers Kopf erneut zur Seite fahren und einen Punkt im Wald fixieren. Mit einem leisen, kaum hörbaren Ruf und einer stoppenden Handbewegung zwang er seine Brüder ruhig zu sein. Wilhelm drehte sich um, als er dem Tier befahl, stehen zu bleiben. Instinktiv griff er dabei nach seinem Messer, welches an seinem Gürtel befestigt war. Oliver drehte jetzt den ganzen Oberkörper in die Richtung, aus welcher die vermeintlichen Geräusche gekommen zu sein schienen. Er zog die Kapuze etwas zurück und vergewisserte sich, dass sie auch wirklich alleine waren. Stirnrunzelnd schaute er in alle Richtungen und lauschte. Doch da war nichts Ungewöhnliches. Drohte wirklich Gefahr oder spielte ihm sein Verstand einen Streich? Die Lichtverhältnisse wurden immer schlechter und machten es schwer, die Schatten im Wald richtig zu deuten. Alle drei lauschten gespannt in die Böschung hinein. Doch außer dem Rauschen des Regens und dem Ächzen der Bäume durch den Wind war nichts zu hören.

„Was ist los?“, flüsterte Wilhelm fragend, während er seine Kapuze weiter in sein Gesicht zog, um sich vor dem Regen zu schützen. Die Nervosität stand ihm ins Gesicht geschrieben. Instinktiv umklammerten Wilhelms kalte Finger den Metallgriff seines Messers. Oliver reagiert sofort auf die Frage seines Bruders und schüttelte unwissend mit dem Kopf. Er hatte keine Ahnung, aber irgendwas stimmte hier nicht. Er legt den Zeigefinger auf seine Lippen und bat erneut um Ruhe. Seine Augen suchten die Umgebung ab. Konzentriert blickte er in die Tiefe des Waldes. Keiner von ihnen wagte noch ein Wort zu sagen. Geschweige denn laut zu atmen. Plötzlich vernahm Oliver ein weiteres Rascheln. Es wurde deutlich lauter und er lokalisierte jetzt eindeutig Schritte die über den Waldboden rannten. Er hatte sich doch nicht getäuscht. Die ernsten Gesichter von seinen Brüdern verriet Oliver, dass die Geräusche keine Hirngespinste waren und auch von den anderen wahrgenommen wurde. Jemand näherte sich keuchend. Kurz darauf kam ein weiteres Geräusch hinzu, was einem Donnergrollen gleichkam.

Oliver schaute ungläubig in den Himmel, aber von da kam das Getöse nicht. Irritiert starrte der Jüngste wieder zwischen die Bäume. Schließlich erkannte er zwischen den Eichen einen jungen Mann, der braune Beinlinge und eine blaue wollene Jacke trug. Sein Gesicht leuchtete feuerrot vor Anstrengung und spiegelte den Ausdruck des Entsetzens wider. Auf seiner linken Stirnseite klaffte eine große Wunde, die blutverschmiert war.

Mit einem Satz sprang der Läufer über einen kleinen Busch und stolperte auf die Waldstraße. Um ein Haar wäre er gestürzt, konnte aber das Gleichgewicht im letzten Moment wiedererlangen und stand schon bald mit beiden Füßen auf dem schlammigen Boden. Oliver sah, dass er einen Schuh verloren hatte und die blanken Zehen zu sehen waren. Ohne die geringste Notiz von den Brüdern zu nehmen, lief er über den Pfad und stammelte etwas Unverständliches in die Luft. Von panischer Angst angetrieben lief er weiter. So schnell der Flüchtige aufgetaucht war, so zügig verschluckte ihn der Wald wieder. Alles ging so schnell, dass ihnen keine Zeit zum Reagieren blieb.

Jetzt wurde das Donnergrollen immer lauter und schließlich erkannten sie, was es verursachte. Alle drei drehten sich fast gleichzeitig um und blickten auf den Weg hinter sich. Ein Pferd kam die Biegung im gestreckten Galopp entlanggelaufen und stürzte auf die jungen Männer zu. Völlig handlungsunfähig starrten sie auf einen Schimmel, der schließlich kurz vor ihnen stehen blieb. Der Berittene, in voller Rüstung mit einem Stahlhelm und einen Überwurf, in Blutrot und weiß, zügelte sein Pferd und hob die Hand zum Gruß.

„Gott sei mit Euch!“, sagte er ein wenig außer Atem und mit spanischem Akzent.

„Gott sei auch mit Euch, mein Herr!“, erwiderte Wilhelm und versuchte direkten Augenkontakt mit dem Ritter zu vermeiden.

„Sagt, wohin ist er gelaufen?“, fragte der Ritter.

„Dort lang!“, haucht Gabriel kaum hörbar und zeigt mit dem Finger in den Wald. Der Ritter schien zu ahnen wohin der junge Mann fliehen wollte, und spornte sein Pferd ohne ein weiteres Wort zu verlieren wieder an. Da er nicht durch den dichten Wald reiten konnte, befahl er dem Tier, den Pfad weiter entlang zu galoppieren und zwar in die Richtung, in die der junge Mann verschwunden war. Das Donnern entfernte sich wieder und bald darauf war vom Reiter nichts mehr zu sehen.

„Der hat sich wohl was zu Schulden kommen lassen!“ stammelte Gabriel.   „Wahrscheinlich hatte der Bursche was gestohlen?“, sagte Wilhelm. Das war allerdings nur eine Vermutung.

Kopfschüttelnd, dass sie schon wieder Zeit verloren hatten, nahm Wilhelm das Seil wieder in die Hand und wies den Ochsen an weiter zu gehen. Doch dieser setzte sich nur schwerfällig und unter Protest in Bewegung. Oliver hörte das Fluchen seines Bruders kaum und seine anfängliche Wut ihm gegenüber wich zu einer kleinen Besorgnis. Das hätte auch anders ausgehen können.

An seinen Bruder Gabriel angelehnt sitzend blickte Oliver weiter in den Wald, wohin der Mann gelaufen war.

„Welches Schicksal ihn wohl ereilen mag?“ Oliver ahnte es bereits.

Kapitel 2: Wichtige Botschaft

Kapitel 2: Wichtige Botschaft

 Wie ein unheilvoller Vorbote kam aus dem Osten die Dunkelheit langsam über die hügelige Landschaft gekrochen. Verdrängte das Tageslicht im Westen und legte sich wie ein schwerer Mantel schweigend über die kleinen Dörfer und Städte. Jeder Versuch die Finsternis aus den Häusern zu verbannen war schwer und teilweise sogar unmöglich. Abend für Abend trotzen die Bewohner Passaus der Dämmerung, indem sie Kerzen aufstellten oder das Herdfeuer entzündeten. Sie glaubten fest daran, damit die geheimnisvollen Schatten aus ihren Häusern fernzuhalten und fühlten sich somit ein wenig sicherer. Wenngleich auch das ungute Gefühl der Furcht niemals richtig weichen wollte.

Im Lichtkegel seiner Kienfackel ging der schweigende Benediktinermönch den schmucklosen schmalen Gang zum Klosterhof hinüber. Die dunkle Kapuze seiner braunen Kukulle hatte er tief in sein Gesicht gezogen. Somit bot sie ein wenig Schutz gegen die aufkommende Kälte der Nacht. Das faltenreiche, bodenlange Übergewand mit seinen weiten Ärmeln flog durch die zügigen Bewegungen des Mannes hin und her und warf durch den Feuerschein bizarre Abbildungen an die Wand. Auf seinem Weg zum Quartier des Schreibers entflammte er immer wieder die zahlreichen Feuerstellen an der Wand, um die dunklen Gänge somit zu erhellen. So entstand ein Weg des Lichtes und der Wärme, die die Mauern des ehrwürdigen Klosters erhellten. Einige seiner Glaubensbrüder waren gerade auf dem Weg zur Vesper, dem Abendgottesdienst und erfreuten sich an der Helligkeit des Feuers.

Nachdem er den Klosterhof einmal mit dem Licht erschlossen hatte, blieb er schließlich vor der letzten der vielen Zimmertüren stehen. Mit zitternder Hand hängte er die brennende Fackel in die dafür vorgesehene Eisenhalterung an der Wand und klopfte demütig an die Tür. Einen Augenblick verharrte er vor der Pforte und wartete darauf, dass man ihm Einlass gewährte. Schließlich wurde die Tür knarrend von innen geöffnet und ein alter grauhaariger Mönch steckte seinen kleinen Kopf mit finsterem Blick durch den schmalen Spalt, um kurz darauf ohne ein Wort zu sprechen, wieder zu verschwinden. Die Pforte blieb offen und der Ordensbruder trat schweigend in den Raum.

Nachdem er eingetreten war schloss er die Tür hinter sich. Im Inneren der Kammer war es so dunkel, dass er sich konzentrieren musste um beim voranschreiten, nirgendwo gegen zu laufen. Nur eine Fackel und zwei Brenn-Näpfe, die auf einem kleinen Holztisch vor dem schmalen Fenster standen, erhellten das Zimmer spärlich. Durch das kleine Fenster drang nur wenig Frischluft in das Innere des Raumes. Direkt neben dem Tisch befand sich ein Haufen mit Stroh, der als Schlafstätte benutzt wurde. Der alte Mann schlürfte humpelnd zum Tisch und setzte sich langsam auf den wackeligen Stuhl. Dann nahm er ein Stück Papier, das vor ihm lag, in die Hand. Mit seinen knochigen Fingern faltete er es mehrmals zusammen, bis es so klein war, dass es nicht länger und breiter war als sein kleiner Finger. Ohne ein Wort zu sagen, überreichte der Greis dem Mönch das beschriebene Stück Papier und nickte ihm stumm zu. Der Besucher bedankte sich ebenfalls schweigend mit einem Nicken und verließ das Zimmer wieder ohne ein Wort zu sagen. Draußen angekommen griff er wieder nach seiner Leuchtfackel und ging auf den Klosterplatz hinaus. Noch war genügend Licht vorhanden, um zu erkennen, dass ein weiterer Glaubensbruder dort im Regen auf ihn wartete.

Der Mönch wirkte ein wenig ungeduldig und schaute sich suchend um. Er hatte einen Falken bei sich, dessen Ungeduld ebenso zu Ende zu sein schien, wie die der des Glaubensbruders. Immer wieder schlug das Tier mit den Flügeln und versuchte in die Lüfte aufzusteigen, doch der Mann lies das schmale Band, was ihn und das Tier zusammenhielt, nicht los. Die Krallen des Tieres umfassten den Lederschutz am Arm des Benediktiners und hielten sich sicher daran fest. Nach nur ein paar Schritten hatte der Fackelträger ihn erreicht, übergab ihm das Feuer wie einstudiert, so dass er den Zettel mithilfe eines kleinen Säckchens an der Kralle des Vogels befestigen konnte.

Stumm und geduldig blickte das Tier ihn an und wartete bis die Nachricht so befestigt war, dass der Vogel ihn im Flug nicht mehr verlieren konnte. Zärtlich streichelte sein Träger ihm über das Gefieder, dann trennte er das Band und erhob den Arm in die Luft. Das Tier verstand sofort, flatterte mit den Flügeln und erhob sich kreischend in die Lüfte. Die beiden Mönche schauten dem Vogel zufrieden nach und sahen wie sich der königliche Falke in den Abendhimmel erhob und langsam Richtung Nordwesten flog. Nach wenigen Minuten war er schon außer Sichtweite. Die beiden Mönche wirkten etwas erleichtert. Die Botschaft wurde übermittelt.

Kapitel 3: Trautes Heim

Kapitel 3: Trautes Heim

Glücklicherweise hatte der Regen am späten Abend nachgelassen und schließlich eine Pause eingelegt. Trotzdem waren die Männer immer noch Nass bis auf die Haut. Nichts vermag die Kälte aufzuhalten, die durchdringend an ihrem Körper nagte, wie eine Ratte an einem Stück Brot. Umso mehr sehnten sich die drei nach der warmen und vertrauten Wohnstube, die nicht mehr allzu weit weg vor ihnen lag. Die Fahrt war weiter beschwerlich gewesen und das Rad des Wagens war noch zwei Mal eingesunken. Mit jedem Stopp war die Gruppe von noch größerer Unruhe gepackt worden. Sie wollten einfach nur so schnell wie möglich nach Hause. So hatten sie sich mit steigender Verbissenheit bemüht zügig nach Hause zu kommen und sich untereinander keine große Beachtung mehr geschenkt. Die Anspannung war greifbar und ging erst ein wenig zurück, als sie in die vertraute Umgebung ihres Heimatdorfes kamen.

Hier wurde der Weg endlich besser, da der Untergrund mit verschieden großen Steinplatten gepflastert war. Es wurde zwar holpriger, aber die Holzräder sanken nicht mehr in den weichen Matsch ein. Die Straße war so breit, dass man bequem mit einem Ochsenkarren durchfahren konnte. Das Dorf zählte fünfzehn größere und kleinere Gebäude, die alle um die Kirche Heilig Kreuz gebaut waren. Sie bildete das Zentrum und war zugleich auch das höchste Gebäude im Dorf. Das Gotteshaus wurde mit dem Friedhof durch einen Zaun umschlossen und die riesige Eiche, die direkt neben dem weißen Gebäude stand, warf beschützend seine Äste über die Vielzahl an Gräbern. Selbst im Dämmerlicht erkannte Wilhelm die Kirche und atmete tief ein, als er sie ausmachte. Nachdem sie die Mühle hinter sich gelassen hatten, machte der Weg einen Knick nach rechts und die Straße wurde hier noch etwas breiter. Auf der rechten Seite lag das große Herrenhaus mit seinen prächtigen Anbauten. Ein Wassergraben, der einmal komplett um das Grundstück ging, schütze es vor ungebetenen Gästen. Es war nur über zwei Holzbrücken zu erreichen, welche in der Nacht von Soldaten hochgeklappt wurden. Ein Stück weiter befand sich das kleine Haus von Schmied Saxmut, welches dem Herrenhaus ein bisschen verloren schräg gegenüberstand. Er war ein guter Freund der Familie und hatte schon oft den Karren repariert, wenn dieser zum wiederholten Male kaputt gegangen war. Nicht nur sie mussten schwer und hart arbeiten, auch dem Karren wurde einiges abverlangt.

Wilhelm lenkte den Wagen an der Kirche und der Töpferei vorbei, die diagonal zum Gotteshaus standen. Nach ein paar Metern kamen sie an eine Kreuzung. Hier mussten sie nach rechts abbiegen. In die Richtung des Versammlungsplatzes mit dem großen, aus weißen Steinen verzierten Brunnen. Um diese Zeit waren kaum noch Menschen auf der Straße und der Brunnen wirkte in der Mitte des Platzes sehr verlassen. Direkt daneben auf der linken Seite befand sich der Stall der Familie.

„Endlich geschafft“, flüstert Wilhelm, ohne dass die anderen ihn hören konnten. Der Wohnraum grenzte direkt an den Stall und Oliver konnte durch die kleinen Öffnungen im Mauerwerk Licht im Inneren des Hauses erspähen. Noch war es draußen warm genug. Aber bald mussten die Fenster mit Tierhäuten abgedeckt werden, damit die unsagbare Kälte des Winters nicht in das Innere des Hauses gelangen konnte.

Wilhelm lenkte das Tier weiter mitsamt dem Karren am Brunnen vorbei, wo eine alte Frau noch schnell etwas Wasser aus der Zisterne schöpfte. Kurz darauf gelangten sie zur Vorderseite ihres Heimes, wo sich der Eingang des Hauses befand. Endlich angekommen, blickte Oliver erfreut auf den kleinen angelegten Garten mit vielen Kräutern und Beeren.

Der Wagen stoppte und das erschöpfte Lasttier ließ müde den Kopf sinken. Wilhelm sprang mit einem beherzten Sprung vom Karren hinunter und ging voran. Er öffnete das Holztor des Stalls welches an der linken Seite des Hauses zu finden war. Seine Brüder sprangen ebenfalls hinunter. Olivers Beine schmerzten vor Kälte und er meinte seine Zehen nicht mehr wirklich zu spüren. Gemeinsam spannten er und Gabriel den Holzwagen aus. Gabriel führte, nachdem sie fertig waren, das Tier in den Stall. Währenddessen kam Wilhelm wieder zurück und zog zusammen mit Oliver auch den Wagen in den Stall. Er bot Platz für drei Schweine, einen Ochsen, und den Holzkarren.

Sofort danach machten sich die drei an die Arbeit und verstauten den Kohl in eine dafür vorgesehene kleine Kammer, die ebenfalls im Stall untergebracht war. Je mehr Oliver sich bewegte, desto mehr Leben kam wieder in seine kalten Glieder.

Nach getaner Arbeit gingen die drei gemeinsam hinaus. Wilhelm schloss mit einem kräftigen Schwung die Pforte des Stalls und verriegelte anschließend die Tür. Nachdem sie verschlossen war, gingen sie schließlich durch den Vorgarten in Richtung Wohnstube. Dabei pflückte Gabriel eine Brombeere vom Strauch und steckte sie in den Mund ohne, dass es jemand bemerkt hatte. Der süße Geschmack der Beere tat gut.

Die Tür öffnete sich knarrend, noch bevor Oliver sie richtig aufschieben konnte. Die Helligkeit des Feuers von der Kochstelle blendete ihn etwas und er musste die Augen automatisch zusammenkneifen. Vorsichtig zog er den Kopf ein, um durch die Türöffnung zu kommen, denn obwohl er der Jüngste in der Familie war, war er körperlich gesehen der Größte. Mit einem gezwungenen Lächeln stand er nun in der warmen Wohnstube und blickte nach rechts auf seinen kranken Vater, dessen Körper von der Feldarbeit gezeichnet war. Der einst so stolze Mann war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war nicht mehr wirklich in der Lage, sich von alleine zu bewegen, geschweige denn die Schlafstelle zu verlassen. Oliver war es nicht entgangen, dass es seinem Vater von Tag zu Tag schlechter ging und er war sich ziemlich sicher, dass er den kommenden Winter nicht mehr erleben würde. Der Husten nahm deutlich zu und er spuckte jedes Mal mehr Blut. Der Jüngste ging auf ihn zu und streichelte ihm über das dünne und graue Haar, doch sein Vater nahm nicht wirklich Notiz von ihm. Das harte Alltagsleben hatte wieder ein Opfer gefordert und bald war Zahltag.

Das gesamte Haus bestand aus einem großen Raum in dem gegessen und geschlafen wurde. Der Stall war durch eine Lehmstrohwand vom Wohnraum abgetrennt. Doch trotz dieser Wand konnte man die Anwesenheit der Schweine und des Ochsen riechen. Sie hatten nicht viele Tiere, gerade mal neun Stück an der Zahl, aber damit ging es der Familie schon besser als anderen Bauern, die gar keine Tiere besaßen. Sie waren darauf angewiesen, sich Zugtiere auszuleihen, da sie sonst keine Möglichkeiten hatten die Ernte ins Dorf zu bringen.

Lächelnd ging Wilhelm zu seiner geliebten Frau Magareth hinüber und gab ihr einen Kuss. Sie hatte ihren gemeinsamen Sohn Carl auf dem Arm, der behütete darin schlief. Der erstgeborene war sein ganzer Stolz und er hoffte, dass seine Frau ihm bald einen zweiten Sohn schenken würde. Liebevoll nahm er das gewaschene Kind in seine Arme und küsste es auf die Stirn. Oliver und Gabriel gingen in diesem Moment zur Feuerstelle, um sich aufzuwärmen. Dabei zogen sie die nasse Kleidung aus. Bis auf ein paar graue Beinlinge behielten sie nichts an.

Die Mutter der Brüder war sechs Jahre jünger als der Vater und ebenso wie er war sie von der harten Arbeit im Alltag gekennzeichnet. Ihre Hände waren knochig. Ihre Haut war rau und stumpf. Sie griff nach den nassen Kleidern ihrer Kinder und ging leicht humpelt in den hinteren Bereich des Wohnraumes, wo sie die nassen Gewänder über ein Seil hängte. Es war an der Rückwand des Stalls, quer durch den Raum gespannt. Dabei blickte sie etwas wehmütig auf ihren kranken Mann, den sie so sehr liebte. Es war ein bedrückendes Gefühl zu wissen, dass sie bald Abschied nehmen musste. Sie wischte den Gedanken zur Seite und hängte das letzte Kleidungsstück auf das Seil.

Ein paar der fünf Hühner liefern gackernd auf dem Boden herum und suchten Schutz vor den vielen Füßen. Oliver beobachtete die Hühner, wie sie aufgescheucht zum anderen Ende des Raumes rannten.

Nach einer Weile setzten sich alle, außer dem Familienoberhaupt, gemütlich um das Herdfeuer und warteten darauf, dass es etwas zu essen gab. Oliver entspannte sich währenddessen und spürte plötzlich die Müdigkeit in sich aufsteigen, welche er den ganzen Rückweg über ignoriert hatte. Zufrieden lehnte er sich an einen Stützbalken aus Holz und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Unterdessen brachte die Mutter ihnen etwas zu Essen.

„Es ist nicht viel, aber es wird euch guttun.“, sagte sie liebevoll. Die Mutter reichte ihnen ein Stück selbst gebackenes Brot und zudem ein Gefäß mit warmem Kohl. Die Augen der hungrigen Männer leuchteten im Feuerschein liebevoll und dankbar auf, als ihnen die Schale mit dem Gemüse gereicht wurde. Im Gegensatz zum Frühstück war das Abendessen meistens etwas umfangreicher, sofern genug da war. Die Familie belohnte sich abends mit ausreichendem Essen für die viele Arbeit, die sie den ganzen Tag verrichtet hatten. Schnell griff Oliver nach dem Gefäß und tunkte das Brot in den heißen Kohl. Schlürfend und schmatzend nahm er die würzige Nahrung zu sich.

Die Nacht hatte sich nun vollständig über das Dorf gelegt und hüllte die Umgebung in kalte Dunkelheit. Schon bald nach dem Abendbrot war völlige Ruhe eingekehrt. Das Feuer brannte leise nieder, hüllte den Raum in eine angenehme Wärme und ließ die Kälte draußen. Weil künstliche Beleuchtung wie Kerzen oder Fackeln teuer waren, ging man mit den Hühnern schlafen und stand wieder mit ihnen auf. Diese Prozedur wiederholte sich Tag für Tag.

Oliver lag auf seiner Schlafstelle, hatte die Hände im Nacken verschränkt und schaute auf die sich bewegenden Schatten an den Wänden, die durch das Feuer verursacht wurden. Er musste kurz an den flüchtigen jungen Mann denken. Warum er ihm in den Sinn gekommen war konnte er nicht sagen, aber der Gedanke war auf einmal da. Kaum war er auf den Bauch gerollt schwanden seine Sinne und er träumte tief und intensiv wie fast jede Nacht. Oliver war ein guter und regelmäßiger Träumer, dessen Inhalte unbewusste viele Türen zu seinem Unterbewusstsein öffneten. Ob er es wollte oder nicht, sein Verstand war einfallsreich und drückte seine Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte in faszinierenden Bildern aus.

Unaufhaltsam schlug das Tier mit den Flügeln und kämpfte sich gezielt druch die Nacht. Instinktive flog der Falke in die richtige Richtung, ohne dabei vom Weg abzukommen. Das schlaue Tier flog die Strecke schon ein dutzend Mal und hat bis zum heutigen Tag jede Nachricht übermitteln können. Und auch dieses Mal würde der Falke seine Mission erfüllen. Der Mond warf ein silbriges Licht über die bewaldete Landschaft und half dem Tier sich noch besser zurecht zu finden.

Kapitel 4: Alptraum oder Wirklichkeit

Kapitel 4: Alptraum oder Wirklichkeit

Wieso war es auf einmal so hell? Eben war es doch noch Nacht, oder etwa nicht? fragte Oliver sich. Das Licht war gleißend grell und drang durch die Ritzen der alten Holztür, die nach draußen führte. Es war so stark wie das Sonnenlicht. Nein eigentlich noch viel kräftiger, aber bei weitem nicht so heiß. Jedenfalls kam es ihm so vor, denn er spürte keine Wärme. Es wirkte eher wie kühles, geheimnisvolles Sternenlicht. Klar und deutlich aber eben ohne die geringste Wärmezufuhr. Oliver richtete sich von seinem Schlafplatz auf und starrte gebannt auf das helle Licht. Ihm fröstelte es ein wenig und im Nacken sowie an den Armen richteten sich die dünnen Härchen wie eine Armee von kleinen Soldaten auf. Sein Körper kribbelte und ihm war nicht ganz wohl bei dieser Situation. Oliver stand nun vollständig auf und blickte auf das helle Sternenlicht.

„Was ist das?“, fragte er sich verwundert. Oliver war sichtlich irritiert. Nicht nur über die Situation. Nein auch über seinen Zustand wunderte er sich. Hatte er wirklich was gesagt? Die Überlegung verunsicherte ihn. Ja er konnte nicht mal sagen, ob er die Stimme wirklich gehört hatte oder ob sie nur in seinem Kopf existierte. Alles wirkte so surreal. Mit zusammengekniffenen Augen stand er immer noch mitten im Raum, mit dem Blick zur Tür. Neugierig wollte er die Füße vorwärtsbewegen, doch es fiel im unsagbar schwer. So als ob an seinen Füßen schwere große Felsen befestigt waren, die ihn festhielten. Der junge Bauer überlegte, was er tun sollte. Er hatte Angst. Ohne Zweifel hatte er das, aber irgendwie war er auch neugierig. Was befand sich hinter dieser Tür? Was war dort draußen? Die Neugierde war eine starke Empfindung, die in der Natur des Menschen lag. Bei dem einen mehr ausgeprägt als bei jenem anderen. Und bei ihm war die Neugierde so stark, dass er sämtliche Warnsignale ignorierte. Oder waren es gar keine warnenden Signale? War das Licht etwas Gutes?

Oliver musste unbedingt wissen, was das alles zu bedeuten hatten. Er musste die Tür erreichen und nachschauen was sich dahinter befand.

Während er mit großer Kraftanstrengung versuchte sich vorwärts zu bewegen, blickte er nach unten auf seine nackten Füße. Doch so sehr er sich anstrengte, er kam dem Licht einfach nicht näher.  Seine Füße bewegten sich nicht vorwärts. Was für ein ungewöhnlicher Zustand. Er richtete seinen Blick wieder nach vorne. Die Luft schmeckte merkwürdig salzig. Wieder versuchte er seinen kalten, nackten Fuß zu bewegen als er urplötzlich den Halt verlor. Sein Körper schwang nach hinten und er blieb in der Waagerechten liegen. Er schien jetzt für einen Moment merkwürdig leicht zu sein. Ja beinahe wie eine Feder. Er blickte nach oben und sah das Dach des Hauses. Er hob den Kopf nach vorne und sah seine nackten Füße wie sie in der Luft schwebten. Was passierte hier gerade. Noch während er darüber nachdachte ob das Licht etwas heller geworden war, fühlte es sich in seinem Magen etwas flau an. Er kämpfte gegen die Übelkeit an und überlegte krampfhaft wie er zu Tür gelangen konnte. Aber wie? Angestrengt wirbelte er mit den Armen, um seinen Körper in die Senkrechte zu bewegen. Wie ein Mann der gerade am Ertrinken war strampelte er und schaffte es sich etwas aufzurichten. Sein Blick viel nach links, wo er den Stützbalken erspähte. Oliver streckte den Arm aus und versucht das Holz zu greifen. Mit großer Kraftanstrengung bekam er es zu fassen. Langsam zog er sich zum Balken hinüber und hielt sich daran fest. Im Gegensatz zu eben, war ihm jetzt unsagbar warm geworden. Ungeahnte Hitze umfing seinen Körper doch sie kam nicht von außen, nein sie schien aus seinem Inneren geboren. Oliver versuchte sich vom Balken abzustoßen um in Richtung der Tür zu kommen. Aber irgendetwas hielt ihn fest. Er kam keinen Meter vorwärts.

„Lasst mich los…“, befahl er der unsichtbaren Macht. Es war eindeutig seine Stimme die er da hörte, aber sie klang so fern und so fremd. Beinahe wie das von einem Kind.

„Welche bösen Geister waren hier am Werk?“ er fürchtete sich mehr denn je. Sein Blick wanderte umher. Wo war seine Familie? Mit Schrecken stellte er fest völlig auf sich allein gestellt zu sein.

So sehr er sich auch der Situation entziehen wollte, es gelang ihm einfach nicht. Wieder wollte er zur Tür gelangen. Ohne Erfolg. Etwas zerrte immer noch an ihm und versuchte ihn regelrecht von der Tür wegzuschieben. Ein geheimnisvoller Schatten, welcher sein Gesicht nicht zeigen wollte und lieber im Verborgenen blieb? – Oliver wusste es einfach nicht.

„Wo waren die anderen?“, fragte er sich. Ein kratzendes Geräusch lenkte seinen Blick erneut zum Licht und zu seinem Entsetzen erkannte er, dass sich die Tür noch weiter entfernt hatte und Oliver schien wie durch einen Tunnel das Licht zu bannen. Vor Angst krampfte ihm der Magen, dennoch musste er wissen, was hinter der Tür auf ihn lauerte. Dieser Traum würde ihn sonst für immer verfolgen, denn ohne Zweifel war es ein Traum, welcher ihn in diesem Moment heimsuchte. Oder täuschte er sich da? Mit aller Kraft, den sein müder Geist aufbringen konnte, konzentrierte er sich auf das unheimlich weiße Licht. Langsam rückte es wieder näher. Mit der Anstrengung nahm die innere Hitze erneut zu und die Angst steigerte sich langsam zur unkontrollierten Panik. Obwohl er sich am Holzbalken festhielt, bewegte er sich in die Richtung der Tür. Wie war das nur möglich? Es war beinahe so, als ob das ganze Gebäude in Bewegung war. Nur er nicht.

Oliver hörte undefinierbare Geräusche. Unmenschliche fremde Laute, die er zuvor noch nie gehört hatte. Das Feuer wurde immer heißer und es drohte ihn zu verbrennen.

„Konnte man im Traum sterben?“.  Auf einmal kippte er nach vorn, sodass er mit dem Kopf voran auf die Tür zugeflogen kam. Ihm wurde erneut kurzfristig schlecht durch die schnelle Drehung. Oliver glaubte zu spüren, wie seine Finger das Holz der Tür ertasteten, doch sein Blick trübte sich und alle Sinne waren überspannt. Es drohte ihn zu zerreissen.

„Arrrrghhh…“.  schließlich sprang die Tür auf und er blickte in das helle Licht. Es blendete ihn so stark, dass er seine Hand schützend vor die Augen halten musste. Eigentlich müsste er den Wald vor sich sehen, aber das Licht war so stark, dass er die Umgebung nicht erkennen konnte. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an das Licht und er konnte sie ein wenig mehr öffnen.

„Da war doch jemand“? Oliver blickte genau hin und erkannte eine kleine schemenhafte Gestalt. Sie war die Ursache der Lichtquelle Er konnte keine direkten Konturen erkennen, aber es war schon irgendwie eine menschengleiche Gestalt. Nur ohne Gesicht. Das Wesen sprach mit ihm. Die Stimme war in seinem Kopf und er hörte die Worte erst sehr undeutlich. Es war immer dasselbe Flüstern, was wiederholte wurde. Es war immer und immer wieder dieselbe Botschaft, die nur aus zwei Worten bestand. Es klang merkwürdig. So, als ob mehrere Kinder in der gleichen Stimmlage mit ihm sprachen und das obwohl er nur eine Person ausmachte. Die Stimmen überlagerten sich und Oliver hörte genau hin. Dann verstand er die Botschaft klar und deutlich.

„WACH AUF“

Oliver riss die Augen auf.

„Was?“, sagte er. Plötzlich erlosch das Licht. Er war in völlige Dunkelheit getaucht. Mit einem Ruck wurde er zurückgezogen. Dann hörte er das Knallen der Eingangstüre, die zugeschlagen wurde. Krachend fiel er auf den Boden und…

„Nein…“ hörte er die schmerzvoll verzerrte Stimme in seinem Kopf. Er hatte geträumt. Seine Sinne sammelten sich etwas und kurz darauf vernahm er ein scheußliches Gurgeln und Schmatzen. Oliver riss panisch die Augen auf und starrte geschockt ins Halbdunkel. Seine Atmung war schnell und unregelmäßig. Sein Herz pochte wie verrückt und er atmete einmal tief ein. Ein ungewöhnlicher Nebel lag auf seinen Augen und er konnte nicht richtig sehen. Immer wieder machte er die Augen auf und zu, bis der Nebel endlich verschwand. Ein unheimliches Pfeifen erklang in seinem Kopf und wurde immer lauter. Kalter Schweiß klebte an seinem ganzen Körper und das Stroh kratzte an manchen Stellen. Seine Decke fehlte und ihm war kalt. Das unerträgliche Schmatzen wurde immer lauter und klang nicht mehr so fern, wie es eben noch der Fall war. Von draußen hörte er Tumult und er war sichtlich in Sorge.

In diesem Moment war er sich hundertprozentig bewusst, sich nicht mehr in seinem Traum zu befinden, sondern in der Realität. Von einer Sekunde auf die andere war alles erschreckend wirklichkeitsnah geworden. Er wagte es zunächst nicht, sich zu rühren. Er blieb still auf dem Rücken liegen und holte noch einmal tief Luft. Irgendetwas Fremdartiges war im Haus. Etwas Unheimliches, Geheimnisvolles und er spürte die Bösartigkeit, die ihn umgab. Sein Puls schnellte nochmal in die Höhe und auf einmal war er richtig wach. Tief atmend und voll von böser Vorahnung griff er vorsichtig nach rechts, wo eigentlich Wilhelm liegen sollte, doch die Finger griffen ins Leere. Vor Schreck stockte ihm der Atem und er zuckte kurz zusammen. Vorsichtig und sehr zaghaft tastete er über das Stroh. Plötzlich spürte Oliver etwas, was er im ersten Moment nicht zuordnen konnte. Seine Fingerkuppen fühlte etwas Feuchtes und Klebriges. Er drehte seinen Kopf langsam zur Seite und versuchte etwas zu erkennen, doch es gelang ihm nicht. Es war einfach zu dunkel dafür. Seine Atmung beschleunigte sich wieder etwas. Es war die Panik die langsam besitz von ihm nahm.

Seine Füße waren kalt wie Eis und schmerzten. Und trotzdem konnte er den kühlen Luftzug von draußen spüren.

„Warum ist die Haustür offen?“, fragte er sich. Oliver meinte etwas vor der Haustür vorbei huschen gesehen zu haben. Die Panik wurde noch größer und es wurde nicht besser, da die Geräusche im Haus nicht verstummten.

Seine Augen füllten sich mit Tränen, wider aller Vernunft wand er den Kopf in die Richtung aus dem der Hall an sein Ohr drang. Blankes Entsetzen paralysierte ihn, denn er sah schemenhaft einen Schatten vor sich. Nicht so wie eben im Traum, er war viel realistischer. Die Gestalt hockte mit dem Rücken zu ihm gedreht in der Nähe des Feuers und schien gebannt auf eine Stelle zu achten. Eigentlich wollte er nicht weiterdenken, als er das zusammengesackte Bündel unter den Schatten erkannte. Wollte nicht wissen wer oder was da lag und doch arbeitete sein Verstand gnadenlos weiter und versuchte rationale Erklärungen zu finden. Schließlich ließen seine Gedanken nur noch einen Entschluss zu. Es konnte nur seine geliebte Mutter sein, die dort lag! Die Vorahnung wurde beim zweiten Blick schließlich zur Gewissheit.

„Warum tat keiner was?“ Oliver war wie gelähmt. Ihm wurde Speiübel als er weiter nachdachte. Von draußen hörte er jetzt Kampfgeräusche. Jedenfalls meinte er, dass es welche waren. Wieder blickte er auf das Wesen vor ihm.

„Was war das für ein Ding?“ Wie eine Windmühle raste sein Verstand weiter.

„War es ein Wolf? Nein es schien auf zwei Beinen zu laufen. War es ein sich aufbäumender Bär? Nein zu klein und woher kam dieser würgende süße Geruch?“ Ihm schossen so viele Fragen durch den Kopf, so dass dieser völlig überlastet war. Oliver ballte die Fäuste und versuchte verzweifelt die Panik nieder zu kämpfen.

„Was tat dieses Wesen da genau?“ Und mit einem Schlag wurde ihm alles klar. Es tötete seine Mutter, verging sich an allem, was er liebte. Mit allem Mut den er aufbringen konnte, suchte er nach einer Lösung ihr zu helfen. Zufällig tastete er nach einem Stück Feuerholz, welches unmittelbar neben ihm lag. Dann packte er es und sprang sogleich mit Angst und aufkommender Wut auf. Rasch wurde ihm schwindlig und Oliver sank sogleich zurück auf das Strohlager. Mit den Nerven war der junge Mann vollkommen am Ende. Seine Beine zitterten wie bei einem Erdbeben. Das fremde Wesen bekam von alldem nichts mit.

„Was war nur los mit ihm? Er wurde jetzt gebraucht und durfte nicht versagen. Die Angst übermannte ihn erneut. Er schaute sich kurz um und erspäht die Leiche von seinem Vater, die blutüberströmt auf dem Boden lag. Die Glieder abnormal verdreht. Oliver ließ einen Laut des Entsetzens folgen und weitete die Augen. Gleich drauf merkte er, dass es ein Fehler war einen Laut von sich zu geben. Langsam richtete Oliver sich erneut auf. Der Schatten schien ihn jetzt bemerkt zu haben und hielt kurz inne, ließ von seinem Opfer ab und hob langsam den Kopf. Wie ein Tier fing es an zur schnüffeln und zu lauschen. Oliver ahnte, dass dieser Dämon sich auf die Geräusche, die er verursachte, konzentrierte. Wie in Zeitlupe richtete es sich schließlich auf und drehte sich langsam zu ihm um.

„Was in Gottes Namen sollte er jetzt machen? Sich totstellen?“ Er wusste nicht, was die beste Entscheidung für ihn war, um zu überleben. Ein kurzer Augenblick verstrich in dem nichts zu passieren schien. Doch dann drehte sich das Monster schließlich vollständig zu ihm um. Es erblickte ihn und ohne weitere Verzögerung kam es langsam auf ihn zu und machte dabei so gut wie kein Laut. Von Furcht gefesselt, sah der junge Bauer wie die Gestalt durch das schummerige Licht auf ihn zuschritt. Schließlich geriet das Gesicht des Schattens in das glimmende Licht der noch leicht zündelnden Feuerstelle. Olivers Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Was seid ihr?“, fragte er leise. Oliver stockte der Atem und die Angst lähmte jeden einzelnen Muskelstrang in seinem Körper. Nichts vermag ihm zu helfen den Blick abzuwenden. Es war einfach zu grausam, was da Schritt für Schritt auf ihn zukam und kaum noch zwei Meter entfernt war. Die Gestalt lief etwas gebeugt, wirkte riesig groß und blickte ihn aus goldgelben Augen finster an. Blanker Hass sprühte dem jungen Bauern entgegen. Die blutverzerrte Fratze konnte man kaum als Gesicht bezeichnen. Es gab Augen, Nase und Mund, aber alles schien eine einzige Narbe zu bilden und die Haut hing teilweise in Fetzen herab oder war an mehreren Stellen verkohlt. Hier und da konnte Oliver rohes Fleisch und ein paar Knochen erkennen.

Die grausame Deformierung machte aber am Gesicht nicht Halt, sondern zog sich über den ganzen muskelbespannten Körper. Der Gestank des Todes nahm unaufhörlich zu und Oliver schüttelte sich vor Angst und Ekel. Er musste hier weg, musste der Gefahr den Rücken kehren. Ihm war sofort klar, dass er gegen diesen Gegner nichts auszurichten vermag. Wie ein gehetztes Tier suchte er fieberhaft nach einer Möglichkeit an dem Schatten vorbeizukommen und zu fliehen. Seine Augen suchten die bekannte Umgebung ab.

„Wo waren seine Brüder verdammt noch mal?“ Er schien alleine zu sein und würde von niemandem Hilfe erwarten können. Ihn erfasste ein Würgereiz, der Schädel schien ihm zu bersten und die Kälte machte ihn zusätzlich bewegungsunfähig. Mit großem Entsetzen starrte er immer noch in die scheinbar triumphierende Fratze und konnte fast schon deren Atem spüren.

Es dauerte ein paar Sekunden eher er begriff, dass er am Arm gepackt und nach oben gerissen wurde. Der Schmerz schien unerträglich und etwas in ihm zerriss. Alles ging so leicht und schnell, so dass er nicht in der Lage war zu reagieren.  In diesem Moment klinkte er seinen Verstand völlig aus und zum richtigen Zeitpunkt schoss so viel Adrenalin durch seine Venen, dass er mit einer blitzartigen Bewegung das umklammerte Holzstück von unten nach oben, direkt in die verhasste Mörderfratze hämmerte. Sein Köper war jetzt nur noch ums eigene Überleben bemüht. Der Dämon fauchte auf und mit einem krachenden Geräusch taumelte das Wesen nach hinten zurück. Ließ den jungen Bauern los der ebenfalls auf den Boden fiel. Allerdings hatte Oliver mehr Glück, da er mit beiden Füßen auf dem Boden landete, während das Monster auf den Hintern fiel. Oliver glaubte, so etwas wie Verwirrung in dessen Augen aufblitzen zu sehen. Das war der richtige Zeitpunkt. Er öffnete seine Hand und das Holz viel auf den Boden. Dann rannte er wie ein von Angst getriebenes Tier in Richtung Tür. Kurz nach dem er über die Schwelle getreten war, stolpert er über etwas, was am Boden lag.  Krachend fiel er hin und stützte sich mit den Händen auf den schmalen Weg vor der Eingangstür ab. Kurz blickte er nach hinten. Er erkannte Magareth, die auf dem Boden lag. Am Hals klaffte eine faustgroße Wunde, aus der immer noch ein wenig Blut sickerte. Das lange blonde Haar war blutverschmiert. Die toten Augen starrten ihn flehend an und es schien so, als ob sie immer noch Schmerzen verspürte. Ihm wurde kurzzeitig schlechter und er musste erneut würgen. Verzweifelt schnappte er nach Luft und versuchte, sich wieder aufzubäumen. Oliver blickte auf den Marktplatz. Erst jetzt erkannte er die ganzen Menschen, die auf dem Boden lagen. Die lauten Kampfgeräusche und die Schreie nahm er auch jetzt erst wieder richtig wahr. Schließlich schaffte er es auf die Beine und rannte weiter. Gerade, als er den schmalen Garten passiert hatte, hörte er das wütende Brüllen seines Verfolgers. Der Schrei fuhr ihm durch die Glieder und schürte seine Angst immer mehr. Er drehte sich im Laufen um, blickte zurück und erkannte die Gestalt hinter sich, die gerade aus dem Haus trat.

„Ich muss hier weg und zwar schnell.“ Flucht war jetzt das einzige an was er denken konnte. Die Gegend absuchend hoffte er, irgendwo seine Geschwister lebend zu sehen. Doch er sah sie nicht. Eine Frau kam ihm im Gesicht blutend entgegen. Die Hände helfend nach vorne gestreckt. Sie blickte ihn angsterfüllt an. Oliver erkannte, dass sie um Hilfe flehte, doch er konnte ihr nicht helfen. Ohne die Frau weiter anzuschauen lief er an ihr vorbei.  Mit einem Satz sprang er nach vorne und wurde noch schneller. Er hörte noch ihr Flehen. Seine nackten Füße blieben immer wieder im aufgeweichten Wiesenboden leicht stecken, so dass jeder Schritt eine unendliche Qual bedeutete. Die kalte Luft brannte in seiner Lunge und erschwerte das Laufen noch zusätzlich. Wieder drehte er sich um und erkannte erst jetzt, dass ein paar Häuser im Dorf brannten. Gestalten liefen hin und her. Die entsetzliche Angst trieb ihn immer weiter, am Brunnen vorbei, die Böschung hinab in Richtung Wald. Die Bäume waren seine einzige Chance, denn sie würden ihm Schutz bieten können. Das war jedenfalls der Plan, den er sich kurzfristig zusammengelegt hatte. Der Mond stand hoch am Himmel und tauchte die Umgebung in ein unheimliches silbriges Leuchten. Gerade als er den Hang fast vollständig hinuntergelaufen war, verlor er den Halt unter den Füßen und rutschte den restlichen Hügel auf dem Rücken hinab. Dabei schürfte er sich die Füße blutig und kam erst bei den hohen Fichten wieder zum Stehen. Seine Lunge war kaum noch imstande richtig zu funktionieren und die Muskeln brannten ungeheuerlich!

„Hiiiiiilfe?“ schrie er. Oliver konnte seinen Verfolger zwar im Moment nicht sehen, aber er wusste, dass er ganz in der Nähe war. Schnell richtete er sich wieder auf. Hektisch blickte er sich nach hinten um, dann sah er seinen Verfolger wieder. Der Dämon war verdammt schnell. Fauchend kam er näher.

„Dieses Wesen humpelte doch, oder nicht?“ Die Hoffnungslosigkeit schien ihn ein weiteres Mal zu übermannen und seine Beine sackten erneut weg.

„Weiter“, rief er sich selber zu.  Tränen trübten seinen Blick. Schließlich holte er tief Luft und rannte erneut los. An einer geeigneten Stelle zwischen zwei großen Fichten, rannte er in den Wald. Mit einem Satz verschwand Oliver zwischen den Bäumen und tauchte in die lichtarme Umgebung ein. Orientierungslos lief er so gut wie blind weiter, immer bemüht den Baumstämmen auszuweichen. In der Dunkelheit war es fast unmöglich zu erkennen wohin er lief. Aber irgendwie schaffte er es, den Bäumen so auszuweichen, dass er immer weiter rannte. Doch je schneller er lief, desto mehr hatte er das Gefühl das auch sein Verfolger beschleunigte. Sehen konnte er ihn nicht, aber er spürte, dass er ihm dicht auf den Fersen war.

Was machte er sich eigentlich vor, eine Flucht war doch gar nicht möglich. Aber der Glaube daran zu entkommen, lies ihn weiter voran hetzen. Da ein Knacken und da ein Rascheln, der ganze Wald schien in Bewegung zu sein und sein Gefühl betrog ihn dahingehend, dass es den Eindruck machte von tausend Schatten verfolgt zu werden.  Nach ein paar Metern geriet der Flüchtige auf eine kleine Lichtung und das Licht des Mondes erhellte den Waldboden auf ein Neues.

Endlich konnten seine Augen wieder etwas erfassen. Die Hände in die Hüfte stemmend machte er eine kurze Pause und während Oliver nach Luft schnappte, schaute er sich hilfesuchend um. Es musste schnell ein gutes Versteck gefunden werden, denn sein Körper stieß langsam an seine Grenzen. Aber außer ein paar undefinierbaren Schattierungen konnte er nicht viel erkennen. Beim genaueren betrachten erfassten seine Augen eine Mulde im Boden.

„Ein Versteck?“ keuchte er.

„War es denn auch ein gutes Versteck? Ein Loch im Boden? Ein Grab? Sein Grab?“, die Zweifel vergrößerten sich.

„Nein, dort wird man mich finden.“, stammelte er mit Gewissheit vor sich hin. Oliver verwarf die Idee wieder und blickte sich um. Zurück konnte er nicht. Der Wald war die einzige Möglichkeit sich zu verstecken. Dort würde ihn der Jäger nicht so schnell erspähen. Er holte noch einmal tief Luft und rannte wieder los. Weg von der Lichtung. Nachdem er erneut Schutz unter den Bäumen gesucht hatte, war er schließlich völlig am Ende. Sein Körper verweigerte seinen Dienst und das machte ihn wütend. Wieder hielt er an, schaute nach rechts und sah einen Ast, der seinen Weg beinahe kreuzte. Mit enormer Kraftanstrengung brach Oliver ihn ab, drehte sich um und stellte sich breitbeinig auf. Hier im Laubwald war etwas mehr Platz als bei den Fichten und er konnte mehr sehen. Oliver konnte nicht mehr. Die ewige Flucht war ihm überdrüssig geworden. Die Zeit war vorbei, wie ein Reh vor dem Wolf davon zu rennen. So oder so, es wird hier enden. Oliver war bereit, sich dem Schicksal zu stellen. Er atmete schwer und schaute dabei in alle Richtungen die vor ihm lagen. Seine Augen suchten nach jeder kleinsten Bewegung in der Dunkelheit.

„Zeigt euch…kommt schon. Hier ist noch jemand, den Ihr nicht feige ermorden könnt…“, er hielt inne, holte wieder Luft und schrie dann weiter…“im Schlaf.“  Das Atmen viel ihm schwer und er japste nur noch. Die Verwunderung über sein Handeln nahm weiter zu. Noch nie in seinem Leben war er so mutig gewesen.

Oder sollte er sagen so dumm? Die Verzweiflung warf ihn auf die Knie und er fing an zu beten. Dabei ließ er seine Umgebung nicht aus den Augen.

„Herr, beschütze mich!“, seine Stimme klang heiser und verkrampft. Plötzlich knackte es und der Dämon stand wie aus dem Nichts direkt vor ihm. Oliver weitete seine Augen und erschrak fürchterlich.  Als nächstes verlor er den Boden unter den Füßen. Der junge Bauer wurde an beiden Armen gepackt und in die Höhe gehoben. Alles ging so wahnsinnig schnell, dass er nicht mehr reagieren konnte. Oliver blickte mit schmerzverzerrtem Gesicht direkt in die goldgelben Augen des Täters.

Da war das Monster wieder und grinste ihn an. Der Jäger hatte ihn ein weiteres Mal erwischt und es war jetzt Zeit für das Opfer zu sterben. Die langen Fingernägel gruben sich in das Fleisch. Die Kraft sich zu wehren verließ ihn. Der Sauerstoff presste aus seinen Lungen und Oliver wollte schreien, doch alles was er hervorbrachte war ein jämmerliches Winseln. So sollte es also mit ihm enden. Die Augen seines Peinigers glühten auf und der Dämon schien wütender den je zu sein. Schließlich hob der Angreifer ihn mit einer unmenschlichen Kraft in weiter die Luft.

Dann ließ das Monster einen Arm los und packte Oliver am Hals und drückte ihm die Kehle zu. Die Fingernägel gruben sich in seinen Hals und rissen die Haut auf. Er spürte wie das Blut seinen Hals herunterlief und genau das schien den Dämon zu erregen. Olivers rechter Arm war jetzt frei. Er ballte die Faust und schlug unkontrolliert auf das Wesen ein. Abwechselnd trat er noch mit seinen Füßen zu. So fest er nur konnte. Doch ohne Erfolg. Das Wesen wirkte wie aus Stein.

Der Schatten schien zu grinsen und das Todesspiel zu genießen. Oh Gott, der Dämon öffnete den Mund. Er wollte ihn fressen und Oliver viel bei dem Gedanken beinahe vor Angst in Ohnmacht. Aus dem Mund kamen süßliche, faule Gerüche und seine Zähne waren noch immer blutverschmiert von seinem letzten Opfer. Schließlich sah Oliver mit ängstlichen aufgerissenen Augen die beiden langen Eckzähne, gleich einem wilden Tier.

„Doch ein Wolf“ das Bild setzte sich in seinem Kopf fest. Schließlich schloss er vor Angst die Augen und wartete auf das, was unausweichlich schien.

Ganz unerwartet ging ein Ruck durch den ganzen Körper des Jägers. Oliver spürte, wie sich der feste Griff plötzlich lockerte. Er öffnete die Augen und starte dem Dämon ins Gesicht.

„War das Verwirrung, was er in dessen Augen sah?“, Oliver wusste es nicht. Er wehrte sich nochmal so gut er konnte, ruderte mit beiden Beinen und umfasste währenddessen die knochigen Finger, die sich um seinen Hals geschlossen hatten. Mit seiner rechten Hand zog er so kräftig, wie er nur konnte, daran.  Mühsam verbog er die einzelnen Finger, so dass er dem festen Griff allmählich entkam. Unangekündigt ließ der Jäger ihn los und Oliver knallte mit voller Wucht auf den Waldboden. Zu seinem Pech genau auf ein Stück Wurzel, die aus dem Boden hervorragte.  Er spürte den Schmerz genau auf seiner Wirbelsäule.

„Ahhhrgggh“, stöhnte er auf. Kurzzeitig blieb ihm die Luft weg und er musste husten. Er rollte sich auf den Bauch und rappelte sich sogleich wieder keuchend auf. Mit großer Kraftanstrengung stemmte er sich auf seine Knie und griff sich dabei an den Hals. Er fühlte die Wunden, die ihm sein Jäger in den Hals gerammt hat. Dazu schmerzte sein Arm noch wie verrückt. Seine Augen erfassten eine große Fleischwunde am Oberarm. Es dauerte einige Sekunden bis er verstehen konnte, dass dies doch noch nicht das Ende war. Der junge Bauer drehte sich um und blickte auf die Gestalt vor sich, die immer noch aufrecht stand, sich aber nicht rührte.

„Was war geschehen, hatte es sich der Dämon anderes überlegt? Wollte er noch ein wenig mit seiner Beute spielen?“  Allein der Glaube daran fehlte ihm in diesem Moment.

Erst jetzt hörte er das Pferdeschnauben und sah das Aufblitzen der Klinge im Mondlicht. Ein massives Schwert hatte das Ungetüm von hinten durchbohrt. Der Führer dieser außergewöhnlichen Waffe saß hoch zu Ross und schien Spaß an der Szenerie zu haben. Es dauerte ein paar Sekunden, dann zog der Reiter seine Klinge aus dem Körper des Dämons heraus und blickte dabei mit seinen dunklen Augen auf Oliver. Irgendwie hatte er das Gefühl den Reiter zu kennen. Dann, ohne jede Vorwarnung trennte der Kämpfer dem Dämon mit einem schnellen hieb den Kopf vom Rumpf ab und das Wesen brach zu einem stinkenden Haufen zusammen. Zum Entsetzen blieb dieser nicht einfach auf dem Waldboden liegen. Nein etwas Absurdes und Ekelhaftes passierte. Das Fleisch löste sich von den Knochen, wie bei einem Huhn, das man lange gekocht hatte. In rasender Geschwindigkeit fielen Haut, Muskeln, Sehnen in sich zusammen, bis sich zum Schluss sogar die Knochen auflösten und zu Matsch zerfielen. Es blieb nichts weiter als eine organische Pfütze übrig die langsam im den Boden absackerte.

„Das war unmöglich! Welcher Aberglaube war hier auferstanden?“, dachte er sich. Oliver blickte vom Waldboden zu dem Reiter hinauf. Er konnte sein Gesicht aber nicht richtig erkennen. Der Helm verdeckte es, doch das rote prangende Kreuz auf dem Wams des Mannes kam ihm irgendwie bekannt vor. Nur woher, viel ihm in diesem Moment nicht ein.

„Das war alles nicht wahr!“, kam es aus ihm heraus. War der Ritter jetzt ein Freund oder Feind? Oliver wusste es in diesem Moment nicht. Sein Gefühl sagte ihm aber, dass er fliehen sollte. Beim Anblick des blutigen Schwertes ergriff er schließlich die Flucht. Mit einem Satz drehte er sich um und lief in die entgegen gesetzter Richtung. Nach nur wenigen Metern stolperte er über eine Baumwurzel und viel erneut hin. Mit beiden Händen fing er den Sturz auf und landete im Laub. Keuchend richtete er sich wieder auf und rannte weiter, ohne sich umzudrehen. Kurze Zeit später hörte er den Ritter hinter sich. Das Pferd war schneller, als er rennen konnte. Oliver war nicht wirklich weit gekommen, da hatte ihn sein neuer Verfolger schon im Galopp eingeholt, packte ihn mit metallischen Klauen und zog ihn bäuchlings auf das Tier. Es sah so aus, als ob Oliver kein Gewicht für den Reiter darstellen würde. Alles ging so schnell. Im halsbrecherischen Tempo ritten sie durch den Wald. Oliver war einfach mit dem Bauch über den Rücken des Pferdes geworfen worden und jeder Huf tritt stieß ihn in den Magen. Im Rücken spürte er die Hand des Reiters, der ihn festhielt.  Oliver erkannte, dass sie eine Böschung hinaufgeritten waren. Nach kurzer Zeit hielt das Pferd ruckartig an.

„Was hatte dieser Ritter nur vor? Wo waren sie?“. Es roch nach verbranntem Holz. Schemenhaft konnte er ein hohes Gebäude vor sich ausmachen, dessen Konturen ihm bekannt vorkamen.

„Das konnte nur die Kirche sein!“, schoss es ihn durch den Kopf. Der Reiter warf Oliver etwas unsanft vom Pferd. Er landete direkt vor einem Grab und viel auf den weichen Boden. Wiederholt stützte er sich auf seinen Händen ab, übergab sich kurz und blickte auf den zuvor gegessenen Kohl. Es war einfach alles zu viel für ihn und seinen Körper. Danach wischte er sich den Mund ab und stand schwankend auf. Oliver war mit den Kräften jetzt wirklich am Ende und wünschte sich nur noch, dass es bald zu Ende war. In der Zwischenzeit war der namenlose Reiter selber vom Pferd gestiegen. Als der Bauer das im Augenwinkel sah, ergriff er wieder die Flucht, aus Angst der Ritter würde ihn umbringen. Mit letzter Energie stemmte er die Tür des Gotteshauses auf und trat ein.

„Hier musste er doch Schutz finden?“ Der Innenraum des Gotteshauses lag im Halbdunkeln. Nur ein paar vereinzelt brennende Kerzen und zwei Fackeln erhellten den Raum. Verzweifelt suchte er nach einem Versteck, tastete sich durch die Holzbänke, ging zu Boden und kroch dann schließlich auf allen Vieren zwischen den Gebetsreihen hin und her. Kurz danach hörte er, wie die Tür erneut aufgestoßen wurde und der Ritter ihm folgte.

So leicht sollte es der Fremde nicht haben. Nachdem er unter den Gebetsreihen Schutz gesucht hatte und kurz zur Ruhe gekommen war, hörte er Schritte vom Eingang herkommend. Sein Verfolger war ihm dicht auf den Fersen. Er konnte aber nicht genau sagen, wo sich der Ritter befand.

Schließlich wagte er einen kurzen Blick. Langsam zog er sich an der Holzbank hoch und blickte knapp oberhalb der Rückenlehnen auf den Haupteingang.  Er sah die schattenhafte Gestalt des Ritters, der – wie es schien – ohne auf ihn zu achten, an ihm vorbei ging. Die Kerzen in der Kirche flackerten durch den Windstoß kurz auf und warfen diffuse Schatten an die Wände.  Zielstrebig ging sein Verfolger zum Altar und verneigte sich. Dann fiel er auf die Knie, nahm den Helm ab und bekreuzigte sich. Oliver legte sich so leise wie möglich wieder auf den Bauch und rollte sich auf dem kalten Steinboden unter die Holzbank. Von draußen hörte er immer noch Getöse und leidvolle Schreie. Sein Brustkorb hob und senkte sich als er den Geräuschen weiter lauschte.

„Wusste sein Verfolger wo er war? Warum unternahm er nichts?“ Eine Weile verharrte er so. Es dauerte einen Moment, bis er wieder ermutigt war weiter zu machen. Er kroch unter den Gebetsreihen hervor und krabbelte so leise wie es ihm möglich war, auf allen Vieren die Holzbank entlang. In die Umgebung lauschend schaute Oliver sich um. Am Ende der Holzbank blickte er vorsichtig in den Mittelgang. Im schwachen Licht des Feuers erkannte er, dass der Ritter immer noch vor dem Altar kniete und betete.

„Das ist meine Chance“, dachte er sich.  Ganz vorsichtig richtete er sich auf und auf leisen Sohlen versuchter er, sich davon zu schleichen. Langsam ging er in die Richtung der Tür.  Auf dem Boden hinterließ er blutige Fußspuren. Schließlich kam er an einer der beiden Steinsäulen an, die das Dach des Mittelschiffs trugen. Ohne dass der Ritter sich umdrehte, sagte er plötzlich:

“Wenn Ihr am Leben bleiben wollt, bleibt Ihr besser hier!“ Oliver erschrak, verlor das Gleichgewicht und taumelte dabei zur Seite gegen die Säule. Erschrocken versuchte er sich an etwas festzuklammern, damit er nicht umfiel. Er griff nach ein paar Leinen, die von der Decke hingen und die Säule schmückten. Seine Hände griffen nach dem Stoff, während er das Gleichgewicht verlor. Just in diesem Moment gab es ein Knall, der Stoff gab nach und irgendetwas stürzte ihm auf den Schädel. Den Schmerz auf den Hinterkopf nahm er schon gar nicht mehr wahr, als alles um herum in tiefer Schwärze versank.