Kapitel 2: Wichtige Botschaft

Kapitel 2: Wichtige Botschaft

Wie ein unheilvoller Vorbote kam aus dem Osten die Dunkelheit langsam über die hügelige Landschaft gekrochen. Verdrängte das Tageslicht im Westen und legte sich wie ein schwerer Mantel schweigend über die kleinen Dörfer und Städte. Jeder Versuch die Finsternis aus den Häusern zu verbannen war schwer und teilweise sogar unmöglich. Abend für Abend trotzen die Bewohner Passaus der Dämmerung, indem sie Kerzen aufstellten oder das Herdfeuer entzündeten. Sie glaubten fest daran, damit die geheimnisvollen Schatten aus ihren Häusern fernzuhalten und fühlten sich somit ein wenig sicherer. Wenngleich auch das ungute Gefühl der Furcht niemals richtig weichen wollte.

Im Lichtkegel seiner Kienfackel ging der schweigende Benediktinermönch den schmucklosen schmalen Gang zum Klosterhof hinüber. Die dunkle Kapuze seiner braunen Kukulle hatte er tief in sein Gesicht gezogen. Somit bot sie ein wenig Schutz gegen die aufkommende Kälte. Das faltenreiche, bodenlange Übergewand mit seinen weiten Ärmeln flog durch die zügigen Bewegungen des Mannes hin und her und warf durch den Feuerschein bizarre Abbildungen an die Wand. Auf seinem Weg zum Quartier des Schreibers entflammte er immer wieder die zahlreichen Feuerstellen an der Wand, um die dunklen Gänge zu erhellen. So entstand ein Weg des Lichtes und der Wärme, die die Mauern des ehrwürdigen Klosters erhellten. Einige seiner Glaubensbrüder waren gerade auf dem Weg zur Vesper, dem Abendgottesdienst und erfreuten sich an der Helligkeit.

Nachdem er den Klosterhof einmal mit dem Licht erschlossen hatte, blieb er schließlich vor der letzten der vielen Zimmertüren stehen. Mit zitternder Hand hängte er die brennende Fackel in die dafür vorgesehene Eisenhalterung an der Wand und klopfte demütig an die Tür. Einen Augenblick verharrte er vor der Pforte und wartete darauf, dass man ihm Einlass gewährte. Schließlich wurde die Tür knarrend von innen geöffnet und ein alter grauhaariger Mönch steckte seinen kleinen Kopf mit  finsterem Blick durch den schmalen Spalt, um kurz darauf ohne ein Wort wieder zu verschwinden. Die Pforte blieb offen und der Ordensbruder trat schweigend in den Raum.

Nachdem er eingetreten war schloss er die Tür hinter sich. Im Inneren der Kammer war es so dunkel, dass er sich konzentrieren musste, wohin er seine Füße stellte. Nur eine Fackel und zwei Brenn-Näpfe, die auf einem kleinen Holztisch vor dem schmalen Fenster standen, erhellten das Zimmer spärlich. Durch das kleine Fenster drang nur wenig Frischluft in das Innere des Raumes. Direkt neben dem Tisch befand sich ein Haufen mit Stroh, der als Schlafstätte benutzt wurde. Der alte Mann schlürfte humpelnd zum Tisch und setzte sich langsam auf den wackeligen Stuhl. Dann nahm er ein Stück Papier, das vor ihm lag, in die Hand. Mit seinen knochigen Fingern faltete er es mehrmals zusammen, bis es so klein war, dass es nicht länger und breiter war als sein kleiner Finger. Ohne ein Wort zu sagen, überreichte der Greis dem Mönch das beschriebene Stück Papier und nickte ihm stumm zu. Der Besucher bedankte sich ebenfalls schweigend mit einem Nicken und verließ das Zimmer wieder. Draußen angekommen griff er wieder nach seiner Leuchtfackel und ging auf den Klosterplatz hinaus. Noch war genügend Licht vorhanden, um zu erkennen, dass ein weiterer Glaubensbruder dort im Regen auf ihn wartete.

Der Mönch wirkte ein wenig ungeduldig und schaute sich suchend um. Er hatte einen Falken bei sich, dessen Ungeduld ebenso zu Ende zu sein schien, wie die der des Glaubensbruders. Immer wieder schlug das Tier mit den Flügeln und versuchte in die Lüfte aufzusteigen, doch der Mann lies das schmale Band, was ihn und das Tier zusammen hielt, nicht los. Die Krallen des Tieres umfassten den Lederschutz am Arm des Benediktiners und hielten sich sicher daran fest. Nach nur ein paar Schritten hatte der Fackelträger ihn erreicht, übergab ihm das Feuer wie einstudiert, so dass er den Zettel mithilfe eines kleinen Säckchens an der Kralle des Vogels  befestigen konnte.

Stumm und geduldig blickte das Tier ihn an und wartete bis der Zettel so befestigt war, dass der Vogel ihn im Flug nicht mehr verlieren konnte. Zärtlich streichelte sein Träger ihm über das Gefieder, dann trennte er das Band und erhob den Arm in die Luft. Das Tier verstand sofort, flatterte mit den Flügeln und erhob sich kreischend in die Lüfte. Die beiden Mönche schauten dem Vogel zufrieden nach und sahen wie sich der königliche Falke in den Abendhimmel erhob und langsam Richtung Nordwesten flog. Nach wenigen Minuten war er schon außer Sichtweite. Die Botschaft wurde übermittelt.