Kapitel 3: Trautes Heim

Kapitel 3: Trautes Heim

Glücklicherweise hatte der Regen am späten Abend nachgelassen und schließlich eine Pause eingelegt. Trotzdem waren die Männer immer noch Nass bis auf die Haut. Nichts vermag die Kälte aufzuhalten, die durchdringend an ihrem Körper nagte, wie eine Ratte an einem Stück Brot. Umso mehr sehnten sich die drei nach der warmen und vertrauten Wohnstube, die nicht mehr allzu weit weg vor ihnen lag. Die Fahrt war weiter beschwerlich gewesen und das Rad des Wagens war noch zwei Mal eingesunken. Mit jedem Stopp war die Gruppe von noch größerer Unruhe gepackt worden. Sie wollten einfach nur so schnell wie möglich nach Hause. So hatten sie sich mit steigender Verbissenheit bemüht zügig nach Hause zu kommen und sich untereinander keine große Beachtung mehr geschenkt. Die Anspannung war greifbar und ging erst ein wenig zurück, als sie in die vertraute Umgebung ihres Heimatdorfes kamen.

Hier wurde der Weg endlich besser, da der Untergrund mit verschieden großen Steinplatten gepflastert war. Es wurde zwar holpriger, aber die Holzräder sanken nicht mehr in den weichen Matsch ein. Die Straße war so breit, dass man bequem mit einem Ochsenkarren durchfahren konnte. Das Dorf zählte fünfzehn größere und kleinere Gebäude, die alle um die Kirche Heilig Kreuz gebaut waren. Sie bildete das Zentrum und war zugleich auch das höchste Gebäude im Dorf. Das Gotteshaus wurde mit dem Friedhof durch einen Zaun umschlossen und die riesige Eiche, die direkt neben dem weißen Gebäude stand, warf beschützend seine Äste über die Vielzahl an Gräbern. Selbst im Dämmerlicht erkannte Wilhelm die Kirche und atmete tief ein, als er sie ausmachte. Nachdem sie die Mühle hinter sich gelassen hatten, machte der Weg einen Knick nach rechts und die Straße wurde hier noch etwas breiter. Auf der rechten Seite lag das große Herrenhaus mit seinen prächtigen Anbauten. Ein Wassergraben, der einmal komplett um das Grundstück ging, schütze es vor ungebetenen Gästen. Es war nur über zwei Holzbrücken zu erreichen, welche in der Nacht von Soldaten hochgeklappt wurden. Ein Stück weiter befand sich das kleine Haus von Schmied Saxmut, welches dem Herrenhaus ein bisschen verloren schräg gegenüberstand. Er war ein guter Freund der Familie und hatte schon oft den Karren repariert, wenn dieser zum wiederholten Male kaputt gegangen war. Nicht nur sie mussten schwer und hart arbeiten, auch dem Karren wurde einiges abverlangt.

Wilhelm lenkte den Wagen an der Kirche und der Töpferei vorbei, die diagonal zum Gotteshaus standen. Nach ein paar Metern kamen sie an eine Kreuzung. Hier mussten sie nach rechts abbiegen. In die Richtung des Versammlungsplatzes mit dem großen, aus weißen Steinen verzierten Brunnen. Um diese Zeit waren kaum noch Menschen auf der Straße und der Brunnen wirkte in der Mitte des Platzes sehr verlassen. Direkt daneben auf der linken Seite befand sich der Stall der Familie.

„Endlich geschafft“, flüstert Wilhelm, ohne dass die anderen ihn hören konnten. Der Wohnraum grenzte direkt an den Stall und Oliver konnte durch die kleinen Öffnungen im Mauerwerk Licht im Inneren des Hauses erspähen. Noch war es draußen warm genug. Aber bald mussten die Fenster mit Tierhäuten abgedeckt werden, damit die unsagbare Kälte des Winters nicht in das Innere des Hauses gelangen konnte.

Wilhelm lenkte das Tier weiter mitsamt dem Karren am Brunnen vorbei, wo eine alte Frau noch schnell etwas Wasser aus der Zisterne schöpfte. Kurz darauf gelangten sie zur Vorderseite ihres Heimes, wo sich der Eingang des Hauses befand. Endlich angekommen, blickte Oliver erfreut auf den kleinen angelegten Garten mit vielen Kräutern und Beeren.

Der Wagen stoppte und das erschöpfte Lasttier ließ müde den Kopf sinken. Wilhelm sprang mit einem beherzten Sprung vom Karren hinunter und ging voran. Er öffnete das Holztor des Stalls welches an der linken Seite des Hauses zu finden war. Seine Brüder sprangen ebenfalls hinunter. Olivers Beine schmerzten vor Kälte und er meinte seine Zehen nicht mehr wirklich zu spüren. Gemeinsam spannten er und Gabriel den Holzwagen aus. Gabriel führte, nachdem sie fertig waren, das Tier in den Stall. Währenddessen kam Wilhelm wieder zurück und zog zusammen mit Oliver auch den Wagen in den Stall. Er bot Platz für drei Schweine, einen Ochsen, und den Holzkarren.

Sofort danach machten sich die drei an die Arbeit und verstauten den Kohl in eine dafür vorgesehene kleine Kammer, die ebenfalls im Stall untergebracht war. Je mehr Oliver sich bewegte, desto mehr Leben kam wieder in seine kalten Glieder.

Nach getaner Arbeit gingen die drei gemeinsam hinaus. Wilhelm schloss mit einem kräftigen Schwung die Pforte des Stalls und verriegelte anschließend die Tür. Nachdem sie verschlossen war, gingen sie schließlich durch den Vorgarten in Richtung Wohnstube. Dabei pflückte Gabriel eine Brombeere vom Strauch und steckte sie in den Mund ohne, dass es jemand bemerkt hatte. Der süße Geschmack der Beere tat gut.

Die Tür öffnete sich knarrend, noch bevor Oliver sie richtig aufschieben konnte. Die Helligkeit des Feuers von der Kochstelle blendete ihn etwas und er musste die Augen automatisch zusammenkneifen. Vorsichtig zog er den Kopf ein, um durch die Türöffnung zu kommen, denn obwohl er der Jüngste in der Familie war, war er körperlich gesehen der Größte. Mit einem gezwungenen Lächeln stand er nun in der warmen Wohnstube und blickte nach rechts auf seinen kranken Vater, dessen Körper von der Feldarbeit gezeichnet war. Der einst so stolze Mann war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war nicht mehr wirklich in der Lage, sich von alleine zu bewegen, geschweige denn die Schlafstelle zu verlassen. Oliver war es nicht entgangen, dass es seinem Vater von Tag zu Tag schlechter ging und er war sich ziemlich sicher, dass er den kommenden Winter nicht mehr erleben würde. Der Husten nahm deutlich zu und er spuckte jedes Mal mehr Blut. Der Jüngste ging auf ihn zu und streichelte ihm über das dünne und graue Haar, doch sein Vater nahm nicht wirklich Notiz von ihm. Das harte Alltagsleben hatte wieder ein Opfer gefordert und bald war Zahltag.

Das gesamte Haus bestand aus einem großen Raum in dem gegessen und geschlafen wurde. Der Stall war durch eine Lehmstrohwand vom Wohnraum abgetrennt. Doch trotz dieser Wand konnte man die Anwesenheit der Schweine und des Ochsen riechen. Sie hatten nicht viele Tiere, gerade mal neun Stück an der Zahl, aber damit ging es der Familie schon besser als anderen Bauern, die gar keine Tiere besaßen. Sie waren darauf angewiesen, sich Zugtiere auszuleihen, da sie sonst keine Möglichkeiten hatten die Ernte ins Dorf zu bringen.

Lächelnd ging Wilhelm zu seiner geliebten Frau Magareth hinüber und gab ihr einen Kuss. Sie hatte ihren gemeinsamen Sohn Carl auf dem Arm, der behütete darin schlief. Der erstgeborene war sein ganzer Stolz und er hoffte, dass seine Frau ihm bald einen zweiten Sohn schenken würde. Liebevoll nahm er das gewaschene Kind in seine Arme und küsste es auf die Stirn. Oliver und Gabriel gingen in diesem Moment zur Feuerstelle, um sich aufzuwärmen. Dabei zogen sie die nasse Kleidung aus. Bis auf ein paar graue Beinlinge behielten sie nichts an.

Die Mutter der Brüder war sechs Jahre jünger als der Vater und ebenso wie er war sie von der harten Arbeit im Alltag gekennzeichnet. Ihre Hände waren knochig. Ihre Haut war rau und stumpf. Sie griff nach den nassen Kleidern ihrer Kinder und ging leicht humpelt in den hinteren Bereich des Wohnraumes, wo sie die nassen Gewänder über ein Seil hängte. Es war an der Rückwand des Stalls, quer durch den Raum gespannt. Dabei blickte sie etwas wehmütig auf ihren kranken Mann, den sie so sehr liebte. Es war ein bedrückendes Gefühl zu wissen, dass sie bald Abschied nehmen musste. Sie wischte den Gedanken zur Seite und hängte das letzte Kleidungsstück auf das Seil.

Ein paar der fünf Hühner liefern gackernd auf dem Boden herum und suchten Schutz vor den vielen Füßen. Oliver beobachtete die Hühner, wie sie aufgescheucht zum anderen Ende des Raumes rannten.

Nach einer Weile setzten sich alle, außer dem Familienoberhaupt, gemütlich um das Herdfeuer und warteten darauf, dass es etwas zu essen gab. Oliver entspannte sich währenddessen und spürte plötzlich die Müdigkeit in sich aufsteigen, welche er den ganzen Rückweg über ignoriert hatte. Zufrieden lehnte er sich an einen Stützbalken aus Holz und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Unterdessen brachte die Mutter ihnen etwas zu Essen.

„Es ist nicht viel, aber es wird euch guttun.“, sagte sie liebevoll. Die Mutter reichte ihnen ein Stück selbst gebackenes Brot und zudem ein Gefäß mit warmem Kohl. Die Augen der hungrigen Männer leuchteten im Feuerschein liebevoll und dankbar auf, als ihnen die Schale mit dem Gemüse gereicht wurde. Im Gegensatz zum Frühstück war das Abendessen meistens etwas umfangreicher, sofern genug da war. Die Familie belohnte sich abends mit ausreichendem Essen für die viele Arbeit, die sie den ganzen Tag verrichtet hatten. Schnell griff Oliver nach dem Gefäß und tunkte das Brot in den heißen Kohl. Schlürfend und schmatzend nahm er die würzige Nahrung zu sich.

Die Nacht hatte sich nun vollständig über das Dorf gelegt und hüllte die Umgebung in kalte Dunkelheit. Schon bald nach dem Abendbrot war völlige Ruhe eingekehrt. Das Feuer brannte leise nieder, hüllte den Raum in eine angenehme Wärme und ließ die Kälte draußen. Weil künstliche Beleuchtung wie Kerzen oder Fackeln teuer waren, ging man mit den Hühnern schlafen und stand wieder mit ihnen auf. Diese Prozedur wiederholte sich Tag für Tag.

Oliver lag auf seiner Schlafstelle, hatte die Hände im Nacken verschränkt und schaute auf die sich bewegenden Schatten an den Wänden, die durch das Feuer verursacht wurden. Er musste kurz an den flüchtigen jungen Mann denken. Warum er ihm in den Sinn gekommen war konnte er nicht sagen, aber der Gedanke war auf einmal da. Kaum war er auf den Bauch gerollt schwanden seine Sinne und er träumte tief und intensiv wie fast jede Nacht. Oliver war ein guter und regelmäßiger Träumer, dessen Inhalte unbewusste viele Türen zu seinem Unterbewusstsein öffneten. Ob er es wollte oder nicht, sein Verstand war einfallsreich und drückte seine Sorgen, Wünsche und Sehnsüchte in faszinierenden Bildern aus.

Unaufhaltsam schlug das Tier mit den Flügeln und kämpfte sich gezielt druch die Nacht. Instinktive flog der Falke in die richtige Richtung, ohne dabei vom Weg abzukommen. Das schlaue Tier flog die Strecke schon ein dutzend Mal und hat bis zum heutigen Tag jede Nachricht übermitteln können. Und auch dieses Mal würde der Falke seine Mission erfüllen. Der Mond warf ein silbriges Licht über die bewaldete Landschaft und half dem Tier sich noch besser zurecht zu finden.